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Fernsehvorschau: Die großen Volkskrankheiten : Das ist wirklich Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Der Tumor im Gehirn des zweijährigen Marios wird in einem deutschen Strahlenzentrum behandelt Bild: WDR / Längenrand Filmproduktion

Ein ARD-Vierteiler wirft einen neuen Blick auf das deutsche Gesundheitssystem und den Umgang mit Volkskrankheiten wie Krebs und Alzheimer. Den Auftakt macht eine Reportage über neue Krebstherapien, die wichtige Aufklärungsarbeit leistet.

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          Es gibt diesen Moment ganz am Anfang der Reportage, als der Heidelberger Krebsmediziner Andreas Schneeweiss in die Kamera blickt und erzählt, was einem Tumorpatienten leicht passieren kann: zu vier, fünf oder sechs Stellen zu laufen, schließlich bei einem Strahlenmediziner zu landen. „Wenn Sie Glück haben, sagt der Strahlentherapeut: ,Da muss man wahrscheinlich erst mal eine Chemotherapie machen', und schickt Sie weiter zu einem Onkologen“, sagt Schneeweiss, der am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg arbeitet. Es könne aber auch sein, dass man kein Glück habe. Dass der Strahlenmediziner selbst entscheide, hier sei keine Chemotherapie notwendig. Dass er deshalb sofort beginne zu bestrahlen. Schneeweiss spricht flüssig und routiniert darüber, wie über eine Sache, die ihm völlig vertraut ist. Er schließt trocken: „Und schon ist der erste Fehler passiert.“

          Diese ersten Sequenzen geben Richtung und Atmosphäre für die gesamte Reportageserie „Die großen Volkskrankheiten“ vor, deren vier Folgen die ARD von diesem Montag an wöchentlich sendet; als Autoren wurden renommierte Wissenschaftsjournalisten verpflichtet. Krankheiten mit besonders großen Betroffenenzahlen sind der Gegenstand der Dokumentationen. Die Autoren haben sich dabei für einen neuen Blick auf die Medizin und auf das Gesundheitssystem entschieden. Es ist der kühle Blick von Rechercheuren, die das medizinische System Deutschlands analysiert haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass die großen Volkskrankheiten - ausgewählt sind Krebs, Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes - nicht nur behandelt werden müssen, sondern richtiggehend gemanagt. Und, das ist der zweite Schluss, dass ein solches Management eben nicht überall geleistet werden kann, sondern vor allem in großen Zentren, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen sich gegenseitig ergänzen und Forschungsergebnisse gedeutet und integriert werden können.

          Aufwendige Recherche

          Die Serie wird mit dieser Herangehensweise der Entwicklung in der Medizin in besonderer Weise gerecht und kann zudem für sich in Anspruch nehmen, wirkliche Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Autoren blenden zwar nicht aus, dass ein Patient eben auch Pech haben kann, weil er auf dem Land ohne gute Infrastruktur lebt oder eben einfach an einen schlechten Arzt gerät. Doch sie konzentrieren sich auf professionell gemanagte Fälle; die herangezogenen Zentren, Mediziner und Patientenbeispiele sind offenbar erst nach einer aufwendigen Recherche gewählt worden.

          Die erste Folge, die sich mit dem Thema Krebs beschäftigt, beleuchtet drei Patientenschicksale: ein Kleinkind mit einem Gehirntumor, eine Frau mit Brustkrebs und eine Patientin, die an einem metastasierten Hautkrebs leidet. Die ruhige und klare Erzählweise von Regisseurin Meike Hemschemeier lässt emotionale Momente zu. Daneben verschränkt der Film das individuelle Erleben von Betroffenen geschickt mit Informationen über die Grundlagen der Krebsentstehung und mit Exkursen in die internationale Forschung. Der Zuschauer wird dabei etwa unaufdringlich involviert in eine Studie, mit deren Hilfe in Zukunft besser einschätzbar werden soll, ob eine Chemotherapie in den jeweiligen Fällen sinnvoll ist.

          Gegenentwurf zum „Krankheitskrimi“

          Das Format ist damit ein Gegenentwurf zu anderen, inzwischen sehr populären Dokumentationen, in denen das Zusammenwirken von Ärzten und Patienten oftmals zu einem „Krankheitskrimi“ ausgebaut wird: Es geht dann um seltene Leiden, von denen ein Patient mit oft spektakulären, noch in der Erprobungsphase befindlichen Methoden geheilt wird. Auch das ist ein berechtigtes Anliegen des Medizinjournalismus im Fernsehen.

          Doch den großen Volkskrankheiten, zu denen noch einige mehr hinzutreten müssten, wollte man den Vierteiler ausbauen, stehen ebenfalls viele Betroffene wenig informiert gegenüber, und auch ihre Diagnostik und Therapie sind ständigen Veränderungen unterworfen, auf die sich nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten einstellen müssen. Die vierteilige Dokumentation über die großen Volkskrankheiten leistet einen Beitrag dazu, dass jeder, ob selbst betroffen oder nicht, einen Zugang zu diesem Thema finden kann.

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