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Fernsehkritik: „Im Dschungel“ : Betriebsrat, du hast es besser

Er hat den Blaumann längst abgelegt: Heino Ferch spielt den stellvertretenden Betriebsratschef Henning Lohmann Bild: WDR/Hans-Joachim Pfeiffer

Die Geschichte dieses Wirtschaftskrimis kommt uns bekannt vor: „Im Dschungel“ handelt von gekauften Arbeitervertretern, Lustreisen, Schmiergeld. Gab es dafür in Wolfsburg nicht ein reales Vorbild?

          So also sieht ein Betriebsrat aus, der um die Zukunft seiner Firma fürchtet: Das zottelige Haar hängt in der Stirn, das Holzfällerhemd ist weit geöffnet, der Gang hastig, die Miene ernst. Ein bisschen Schimanski steckt in diesem Frank Sperber (Ronald Zehrfeld), das erkennt man gleich. Jedem Zuschauer wird auf Anhieb die proletarische Herkunft dieses Rebells gegen die Macht der Schreibtische klar. Deshalb treibt sich Vorarbeiter Sperber vor tristen Industriebrachen herum, besucht seine Mutter in einem kleinen Kiosk, in einem etwas heruntergekommenen Stadtteil, oder prügelt sich mit dem Betriebsratskollegen Henning Lohmann (Heino Ferch) im Foyer des börsennotierten Kesselbau-Unternehmens ZOR. Es sind nur wenige, allerdings etwas zu dick aufgetragene Klischees, die stören. Denn ansonsten ist "Im Dschungel" ein gut choreographierter und stringent erzählter Wirtschaftskrimi.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Der Fernsehfilm zeigt, wie Intrigen und Korruption ein Unternehmen an den Rand des Ruins bringen können, wie ein Betriebsrat zwischen alle Fronten gerät und am Ende die drohende Standortverlagerung der Kesselfabrik wohl doch nicht verhindern kann. Auch die Liebesbeziehung zur Vorstandsassistentin Marie Sandberg scheitert. Elmar Fischer führt Regie, Hauptdarsteller sind neben Roland Zehrfeld Ina Weisse, die die resolute Managerin Marie Sandberg mit zerbrechlicher Schönheit spielt, und Heino Ferch als smarter und korrupter Betriebsratsvorsitzender Henning Lohmann.

          Frank Sperber (Roland Zehrfeld), hier mit seiner Geliebten Marie Sandberg (Ina Weisse), arbeitet als Vorarbeiter bei ZOR und wird in den Betriebsrat gewählt

          An die Realität angelehnt

          Beim WDR wird betont, dass die Geschichte zwar frei erfunden sei, aber "so oder so ähnlich in vielen Industrieunternehmen passieren könnte". Der Drehbuchautor Jörg Tensing hat in den vergangenen fünf Jahren genügend reale Vorbilder gefunden: angefangen von der Volkswagen-Affäre, in der sich ein Konzern seinen Betriebsrat mit Prostituierten und Lustreisen gefügig gemacht hat, über die Lokführer-Streiks bei der Deutschen Bahn bis zum finnischen Nokia-Konzern, der sein Handy-Werk von Bochum ins billigere Rumänien verlegt hat.

          Tensing dürfte, was die unheilvolle Verbindung von Kapital und Arbeit angeht, die meisten Anleihen im VW-Konzern gefunden haben. Über Jahrzehnte konnte sich in Niedersachsen das "System VW" entwickeln, jener Sonderweg mit Viertagewoche und einer Kohabitation von Management und Betriebsrat, der nach dem Skandal um Schmiergelder und Lustreisen in der Sackgasse enden musste. Tensings fiktiver Weltkonzern ZOR liegt im fiktiven Hildenburg. Doch Hildenburg steht mal für Wolfsburg, mal für Bochum, am Ende, als die ZOR-Belegschaft auf die Straße geht, gar für Rüsselsheim. Wer will, kann in der vor einem Fluss gelegenen ZOR-Fabrik mit ihren hohen Schornsteinen - als Kulisse diente das stillgelegte Kraftwerk Rummelsdorf in Berlin - das riesige VW-Werk am Mittellandkanal erkennen. Wer will, kann in dem intriganten Betriebsratsboss mit Managerattitüde, Henning Lohmann, den VW-Arbeiterführer Klaus Volkert sehen, den gelernten Schmied aus Wolfsburg, dem seine Affäre mit einem brasilianischen Model zum Verhängnis wurde (Lohmann hat eine marokkanische Geliebte, die in einem Luxuspalais einen Callgirl-Ring für ZOR-Manager unterhält). Und wer will, kann in der Wut und Ohnmacht der ZOR-Belegschaft all jene streikenden Arbeitnehmervertreter finden, die aussichtslos hinten liegen im Rennen um die niedrigsten Lohnkosten, nicht erst seit Nokia aus Bochum abgezogen ist. Nur die Hauptrolle Frank Sperbers scheint ohne reales Vorbild. Dass in seinem Wohnzimmer über dem Sofa ein Kung-Fu-Plakat hängt, solle ihn jedenfalls nicht in die Nähe des Porsche-Betriebsrats und Thai-Boxers Uwe Hück rücken, sagt der Autor Tensing.

          Kungelei zwischen Betriebsrat und Vorstand

          "Im Dschungel" hat viele starke Momente. In der wohl stärksten Szene verrät die Managerin Sandberg ihrem Geliebten Sperber, den Betriebsrat seit Jahren "mit Frauen und Geschenken" gekauft zu haben. Sie schämt sich nicht dafür, sondern sieht die Ursache bei den Belegschaftsvertretern selbst: "Ihr habt das System zu einem Witz gemacht", sagt sie. Gemeint ist die Kungelei zwischen Betriebsrat und Vorstand. Dass Marie Sandberg von einem "System" spricht, ist beabsichtigt: Das "System VW" ist in der realen Welt längst sprichwörtlich. So richtig in Schwung kam es zu Beginn der neunziger Jahre, als der VW-Konzern 30 000 Menschen zu viel an Bord hatte. Als Ferdinand Piëch 1993 den Vorstandsvorsitz übernahm, suchte er jemanden, der ihm dieses Problem möglichst geräuschlos vom Hals schaffte. So konnte er, der passionierte Techniker, sich ganz auf die Konstruktion von Luxusautos konzentrieren. Piëch fand Peter Hartz, der damals noch in einem saarländischen Stahlunternehmen arbeitete, und machte ihn zum Personalvorstand und Arbeitsdirektor des Konzerns. Gemeinsam mit dem mächtigen VW-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert ersann Hartz die Viertagewoche mit einer Arbeitszeit von 28,8 Stunden - und gemeinsam gerieten sie immer tiefer in den Dschungel aus Lügen und Schmiergeldern, Vergnügungsreisen und Sexpartys bei VW. Erst im Jahr 2005 flog das verfilzte System auf - und bot Autor Tensing die Steilvorlage für "Im Dschungel".

          1,7 Millionen Euro hat sich der WDR den Film kosten lassen, so viel wie üblicherweise eine "Tatort"-Folge. Die größte Stärke des Stücks ist der bewusste Verzicht auf ein Happy End. "Im Dschungel" holt den Zuschauer in der Realität ab und entlässt ihn nach neunzig Minuten in dieselbe. Und dort gehen Wirtschaftskrimis selten gut aus.

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