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Fernsehkritik: „Dutschke“ : Um einen Revolutionär von innen bittend

Kommt nicht zum Zuge: Christoph Bach als Rudi Dutschke Bild: Jochen Roeder

Die Quoten für das Doku-Drama „Dutschke“ waren wegen des parallel laufenden Bayern-Spiels ungewöhnlich schlecht. Aber auch der Film selbst war bescheiden und musste allein wegen seiner Anlage scheitern. Eine vertane Chance.

          Nico Hofmann, dessen Firma Teamworks das Doku-Drama „Dutschke“ mitproduziert hat, hatte sich über die Erstausstrahlung des Werks im ZDF keine Illusion gemacht: „Die Quote“, sagt er im Interview mit dem „Spiegel“, „wird extrem bescheiden ausfallen ... Einfacher Grund ist: Zur gleichen Zeit tritt Bayern München in der Champions League an.“ Und so kam es auch: Lediglich 1,18 Millionen Zuschauer schalteten ein. Der Film selbst fällt aber auch jenseits der aktuellen Quotenerwartung relativ bescheiden aus. Und auch das hat einen einfachen Grund: Er riskiert ästhetisch nahezu nichts.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das gilt vor allem für die dokumentarische Seite des Dramas. Zwar haben der Regisseur Stefan Krohmer sowie die ZDF-Redakteurinnen Caroline von Senden und Esther Hechenberger eine ganze, ihrerseits indes nicht weiter überraschende Reihe von Zeitzeugen, persönlichen Freunden und politischen Weggefährten des, so weiland Walter Jens, „jesuanischen Menschen“ Rudi Dutschke aufgeboten, an ihrer Spitze die Witwe Gretchen Dutschke-Klotz - auf deren vor vierzehn Jahren erschienenem Memoirenband „Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben“ fußen überdies das Drehbuch von Daniel Nocke und damit die Spielhandlung des Films.

          Man muss nur auf Youtube gehen

          Nun ist es im Einzelnen ja durchaus nicht uninteressant, was etwa der nun 71 Jahre alte Pensionär Bernd Rabehl, der 1962 mit Dutschke zur „Subversiven Aktion“ stieß und drei Jahre später mit ihm dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) beitrat, an alten Geschichten beizusteuern hat. Ähnliches gilt für den gerade siebzig Jahre alt gewordenen Schriftsteller Peter Schneider, für den Generationsgenossen und engen Dutschke-Freund Gaston Salvatore oder für die Filmemacherin Helga Reidemeister, deren Trauer um Dutschkes viel zu frühen Tod an Heiligabend 1979 bis heute anhält und berührt. Das Interessante der Aussagen wird leider gemindert durch die immer noch offenen Rechnungen, die es im einst inneren Kreis um Dutschke gibt - was der Film für einen spannenden Disput um das wahre Erbe zu inszenieren versucht, wirkt auf den Zuschauer meist nur rechthaberisch, deshalb peinlich und, was in diesem Fall das Allerschlimmste ist: spießig. Der Politologe Wolfgang Kraushaar, seinerseits Chronist von „Achtundsechzig“, hält sich zwar von derartigen Scharmützeln fern, äußert aber auch nicht mehr als das längst von ihm, seinen Büchern und Artikeln Bekannte.

          Enormes „Charisma”: Der echte Dutschke, bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg in Frankfurt

          Welch eine Chance hat dieser Film vertan, indem er das Dokumentarische fast ganz auf die aktuelle Interviewreihe beschränkte. Nur ganz wenige Male - und auch dann nur für Sekunden - deutet er an, wie er hätte vorgehen können und sollen. Zwei-, dreimal nämlich montiert er „Tagesschau“- oder Reportagematerial der mitt- und endsechziger Jahre in die Spielhandlung ein. Sofort wird es spannend, und sofort hört es wieder auf. Dabei gibt es bewegte Archivschätze zuhauf - und zumindest einen Teil von ihnen zu sehen, muss man nur auf Youtube gehen.

          Selbst Kurras wird ausgespart

          So aber entsteht etwas sehr Paradoxes. Unisono und zu Recht bescheinigen alle Zeugen und Mitstreiter dem 1940 in der DDR geborenen und seit dem Mauerbau im Westen Berlins lebenden antiautoritären Revolutionär Rudi Dutschke ein enormes „Charisma“. Es offenbarte sich auf den ihm oft allein gehörenden universitären Podien der frühen Studentenbewegung nicht minder als in den von Dutschke immer wieder gesuchten öffentlichen Debatten mit bürgerlichen Intellektuellen wie Ralf Dahrendorf, mit aus der Distanz sympathisierenden Publizisten wie Rudolf Augstein oder mit skeptischen Repräsentanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie etwa Günter Gaus - das Fernsehgespräch der beiden, ausgestrahlt am 3. Dezember 1967, ist legendär.

          Von all dem zeigt dieser Film dokumentarisch absolut nichts, ja, er gibt auf seiner Spielebene noch nicht einmal dem in den privaten Szenen sehr überzeugenden Dutschke-Darsteller Christoph Bach die Chance, länger als höchstens mal eine halbe Heidelberger Minute annähernd so zu reden wie es der emphatische Real-Rhetor während der kurzen Zeit seines öffentlichen und medialen Wirkens in Permanenz tat - als der gerade Achtundzwanzigjährige am 11. April 1968 Josef Bachmanns Attentat schwer verletzt überlebt, hat er maximal drei Jahre als „opinion leader“ der linken Revolte hinter sich. In dieser Zeit lag sein Geheimnis immer offen zutage: Es war seine protestantisch fundierte, einem Sprechgesang ähnelnde Rhetorik. „Dutschke“, der Film, enthält sie uns vor.

          Ärgerlich ist zudem sein Schweigen über eine spektakuläre Enthüllung des vergangenen Jahres, derjenigen mithin, dass der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 bei der Anti-Schah-Demonstration Benno Ohnesorg erschoss, ein Agent der DDR-Staatssicherheit war, dass diese Tötung deshalb nun in anderem Licht erscheint.

          Mit Sprengstoff in Berlin

          So bleiben von diesem Film einige Spielszenen aus den Rand- und Innenräumen eines lauteren Lebens. Ganz im Stil der heutigen „Parkour“-Helden flieht Christoph Bachs Dutschke vor der Polizei, keine Wand ist ihm zu steil. Ganz im Stil der frühen Alternativpädagogik wickelt er den Erstgeborenen, ganz im Stil eines Mafiafilms läuft jene Sequenz ab, in welcher der Mailänder Verleger Giangiacomo Feltrinelli mit Sprengstoff in Berlin auftaucht und die Dutschkes in die Bredouille bringt.

          Vor wenigen Wochen wäre Rudi Dutschke siebzig Jahre alt geworden. Seit zwei Jahren gibt es in Berlin die Rudi-Dutschke-Straße: Sie endet vor dem Hort des einstigen Erzfeindes, dem Axel-Springer-Haus. Da sage noch einer, die Geschichte der Studentenbewegung sei ohne Ironie.

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