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Fernsehkritik : Eine Frau will nach innen

Unter Hypnose will Hanna (Sophie von Kessel) klarer sehen Bild: Marion von der Mehden

„Die Tochter des Mörders“, Fernsehfilm der Woche im ZDF, geht aufs Ganze: Psychothriller, Krimi, Familiendrama - das alles in einem will er sein. Sophie von Kessel überzeugt als heimgesuchte Heldin, die anderen Darsteller haben es schwer.

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          Wenn eine erfolgsverwöhnte Wirtschaftsprüferin auf einmal die Namen ihrer Gesprächspartner vergisst und ihr nur noch das Dorf Gorberg einfällt, liegt etwas im Argen. Hanna Meiwald wird nach mehr als dreißig Jahren von der Familiengeschichte eingeholt: Ihre Mutter ist damals erschlagen worden, und als Mörder verurteilt wurde der Vater. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zog er zurück ins heimatliche Gorberg, doch Hanna, die während der Haftzeit bei einer Fleischerfamilie aufgewachsen war, lehnte jeden Kontakt ab – in der Metzgerei ihrer neuen Familie wird sie gelernt haben, nicht zimperlich zu sein.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Abstand zwischen der Münchner Kanzlei, für die Hanna mittlerweile arbeitet, und dem abgelegenen Gorberg schmilzt aber mit einem Schlag zusammen, als der dort ansässige Landarzt sich mit der Nachricht meldet, dass er Vater Meiwald nur mit Mühe davor bewahren konnte, von einem Zug überrollt zu werden. Dass dieser Dr. Breuer mal mit Hanna liiert war, macht die Sache nicht besser.

          Viel emotionale Verwirrung also für eine Frau, die beruflich auf einen kühlen Kopf angewiesen ist. Zumal ihre Fahrten nach Gorberg sie auf die Spur von ein paar Ungereimtheiten bringen und das Wiedersehen mit dem Ort der schrecklichen Kindheit eine lang unterdrückte Erinnerung freizulegen beginnt. Mit einem Mal findet sich Hanna nicht nur neben der Karriereleiter, sondern auch in der Praxis eines Hypnotherapeuten, der ihr Stück für Stück ein tief in ihr schlummerndes Geheimnis entlocken soll.

          Keine elegisch-romantischer Sonntagsfilm

          Ja, „Die Tochter des Mörders“, der Fernsehfilm der Woche, den das ZDF heute Abend ausstrahlt, geht aufs Ganze: Psychothriller, Krimi, Familiendrama – alles in einem. Die Ruhepause, die der Sender allen vom „Tatort“ der ARD-Konkurrenz Verstörten derzeit auf großen Plakaten verheißt („So sieht ein ,Tatort‘ im Zweiten aus“, und dazu wird eine elegisch-romantische Szene aus einem ZDF-Sonntagsfilm abgebildet), ist am Tag danach schon wieder vorbei: Am Montagabend setzt das Zweite auf nervenaufreibende Spannung.

          Und Sophie von Kessel verleiht Hanna Meiwald das richtige Gesicht dazu. In die Strenge der sachlich-professionellen Führungsfrau schleicht sich immer mehr Irritation. Und da fast alle weiblichen Rollen im Film die gleichen glatten, zum Pferdeschwanz gebundenen blonden Haare wie Hanna aufweisen, sieht man auch, wie wenig dazu gehört, wieder in der Masse der an Küche, Kinder, Kirche gebundenen Heimchen zu verschwinden. Das Frauenbild, das „Die Tochter des Mörders“ zeichnet, kann man ohne viel Risiko als traditionell bezeichnen – gerade weil die Heldin sich nur über ihren Job definiert.

          Attraktiv, aber einfallslos

          Claudia Kaufmann hat ihr Drehbuch ebenso sehr auf Sophie von Kessels Hanna hingeschrieben, das daneben gar nicht viel Platz für andere bleibt. Die Rollen von Dr. Breuer und des Kripokommissars Arnsberger werden von Tim Bergmann und Matthias Brandt immerhin noch ansatzweise mit Leben gefüllt, während die ganze Dorfgemeinschaft von Gorbach in einem Reigen von Kürzestauftritten etabliert wird – zu wenig, um daraus Neugier darauf zu entwickeln, ob einer oder eine daraus als Täter im Mordfall Meiwald in Frage käme.

          Und so ist Johannes Fabrick als Regisseur denn auch nichts übriggeblieben, als die Kamera immer wieder nur auf Sophie von Kessel zu richten. Wahrlich, man hat schon weit weniger attraktive Einstellungen im Fernsehen geboten bekommen, aber auch nur selten einfallslosere. Ein paar von „Psycho“ inspirierte Perspektiven machen das eher noch deutlicher, als dass sie es zu kaschieren wüssten.

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