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Fernsehkritik: „Der letzte Patriarch“ : An die Bastmatte muss er sich erst noch gewöhnen

Lebensfreude und Lebensfreunde am goldenen See in chinesischer Landschaft: Ruth Buchleitner (Hannelore Elsner) und Konrad Hansen (Mario Adorf) Bild: ARD Degeto

Als Geburtstaggeschenk ein Geburtstagsfilm: Mario Adorf, am Mittwoch 80 Jahre alt geworden, produziert im Fernsehspiel „Der letzte Patriarch“ Marzipan in Lübeck und sucht in Shanghai einen Produktpiraten. Natürlich hegt er auch ein tiefes Geheimnis.

          Es ist ganz unerheblich, ob es sich um einen neuen Roman, einen Kinofilm oder, wie in diesem Fall, um ein Fernsehspiel handelt, das im Hier und Heute angesiedelt ist: Wenn eine großangelegte Familiengeschichte in gehobenen Kaufmannskreisen und überdies in Lübeck spielt, lässt sich der Gedanke an die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann gar nicht vermeiden. Dies aber muss für jedes neue Opus zwangsläufig eine erdrückende Hypothek bedeuten.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dass Mario Adorf gleich in der ersten Szene des Zweiteilers „Der letzte Patriarch“ dem Rotspon zuspricht, der auch in den Eingangskapiteln des herrlichen Weltromans das gesellige Treiben im Hause Buddenbrook befeuert, macht die Sache nicht einfacher. Immerhin ist dieser Konrad Hansen, den der just achtzig Jahre alt gewordene Adorf mit nahezu alterslosem Elan verkörpert, nicht im Getreidehandel tätig - da er in Lübeck ausgerechnet Marzipan produziert, besteht jedoch permanente Klischeegefahr.

          Recht unterhaltsam ist dieser Film also nur, wenn man an ihn den rechten Maßstab anlegt. Gut dreieinhalb Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen gewannen die „Buddenbrooks“ in den „Barrings“ (1937) des William von Simpson einen literarisch zwar entschieden leichtgewichtigeren, handwerklich aber untadeligen und bei Generationen von Lesern überaus beliebten ostpreußischen Ableger. So verhält es sich jetzt auch mit dem „letzten Patriarchen“: Er ist die in jeder Hinsicht kleinere Schleswig-Holstein-Variante des in Hannover angesiedelten und nun auch schon achtzehn Jahre zurückliegenden Vierteilers „Der große Bellheim“.

          Immer Ärger mit der sehr viel jüngeren Gemahlin: Konrad und Valerie Hansen (Mario Adorf und Ursula Karven)

          Eine höchst mafiöse Stretchlimousine

          Damals wie heute ist Mario Adorf ein Eigentümer-Unternehmer aus altem, echtem Schrot und Korn, der eigentlich schon abgedankt hat, den aber die geschäftsbedrohenden Umstände, die Unfähigkeit der jüngeren Managergeneration und natürlich der eigene Ehrgeiz ins Geschirr zurückholen. Damals wie heute gibt es längere Abstecher aus der tüchtigen deutschen Provinz in die unaufhaltsam aufstrebenden Märkte Asiens, zumal Chinas - im „Bellheim“ flog man etwa nach Hongkong, jetzt also nach Schanghai, wo sich Hansen samt Entourage fast den halben Film über aufhält und dabei in einer so schrecklich mafiösen Stretchlimousine chauffiert wird, dass es schon wieder reizvoll ist.

          Auch die witzigste Szene verdankt sich diesem Ungetüm. Auf der Suche nach der geheimnisvollen Fabrik, in der ein junger Chinese mit Hansens Marzipan nach Urgroßmutters Rezept von 1882 schändliche Produktpiraterie betreibt, ist selbst der einheimische Chauffeur auf ein paar Kinder angewiesen, die ihm den Weg weisen: Er besticht sie, indem er sie mit süßen Verlockungen beschenkt - jenen des Piraten.

          Was von den Geschichten gesellschaftsstützender Familien zu erwarten ist, erwartet den Zuschauer auch im „letzten Patriarchen“: Vater-Sohn-Konflikte, Bruderliebe und Bruderzwist, berechnende wie gutherzige Frauen, Treuebruch, Liebesaffären, Scheidungsgeschichten, dazwischen Feste, Empfänge, Pressekonferenzen und ein Todesfall. Hinter all den Dramen und Aufgeregtheiten der äußeren Handlung steckt, auch dies gehört zum Genre, ein bis zur kompletten Verdrängung wohlgehütetes Geheimnis des Familien- und Firmenoberhaupts, das nun aber endlich und mächtig ans Licht drängt.

          Undankbare Rolle für die Elsner

          Im „Patriarchen“-Fall führt dieses Geheimnis in die Schanghaier Wohnung einer signifikant rot gekleideten vietnamesischen Geigenlehrerin (Tan Khen Hua), aber auch zu den Recherchen des Journalisten Florian von Wachsmuth, den Heio von Stetten spielt. Aus ihm macht das Drehbuch von Brigitte Blobel eine reichlich unglaubwürdige Figur - den Asien-Korrespondenten einer renommierten Zeitung und zugleich einen von Hansen bezahlten „Schnüffler“.

          Schöne Bilder und empfindsame Passagen liefern der Kamera von Dieter Sasse und der Regie von Michael Steinke vor allem die Flüsse und Seen, die Schlingpflanzen und Sümpfe, die sich jenseits des chinesischen Metropolendschungels auftun, aber auch die Landidylle mit Schafen und handgewebten Stoffen, die sich hinter Lübeck und auf Travemünde hin offenbart. In diesen Passagen geht es um „die Kunst des heilenden Denkens“.

          Als Hansens Lebensfreundin Ruth führt Hannelore Elsner hier ein gutmenschliches Regiment voll deutsch-chinesischer Verständigungsbereitschaft. Dankbar ist die recht eindimensionale Rolle für die Elsner nicht. Immerhin aber bietet die Sphäre des ganz einfachen, dafür umso inspirierteren Lebens dem großen Adorf in seinem Geburtstagsfilm die Gelegenheit zu einem ironischen Schlusssatz: „An die Bastmatte“, heißt es, „muss ich mich noch gewöhnen.“

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