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Fernsehkritik : Bis(s) zum Saugrausen

Jakob (Josef Wierer) wird seit dem Tod seiner Frau immer verwirrter Bild: Regina Recht

Stumme reden nicht viel: Der BR-Heimatkrimi „Sau Nummer vier“ dringt tief in die Ställe niederbayerischer Viehzüchter vor. Opferbeseitigung via Schwein ist schließlich nicht neu - und andere bayerische Ecken haben auch schöne Morde.

          Schweinezüchter gleich Saubauern. „Warum haftet diesem fundamentalen Beruf das Odium des Rückständigen, Dummen, Groben an? Es ist die Dunstwolke des Mistes, die ihn umwabert“, schrieb Carl Amery in seinem 1986 erschienenen Roman „Die Wallfahrer“. Der Befund hat Bestand, erfährt aber erst nach und nach seine televisionäre Durchdringung. Der Bayerische Rundfunk folgt nämlich neuerdings dem Ruf aus den Provinzen und müht sich, den vermeintlich abgelegenen Gegenden des Flächen- und Vielvölkerstaates mit einem eigenen Krimi entgegenzukommen. Andere Ecken haben eben auch schöne Morde: Nach Würzburg und dem Allgäu wendet man sich nun einer Terra incognita vor den Türen Münchens zu - Niederbayern.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Regierungsbezirk ist dreiunddreißigmal so groß wie die Landeshauptstadt, hat aber weniger Einwohner. Und den Vorteil, nicht Richtung Alpen zu liegen - weswegen er als Naherholungsgebiet keinesfalls jene Anziehungskraft ausübt wie das pittoreske Oberland. Mit Max Färberböck hat man einen Regie-Hochkaräter und mit dem Straubinger Christian Limmer einen einheimischen Drehbuchautor gefunden. Dazu ein bayerisches Qualitätsaufgebot an Schauspielern, darunter Agathe Taffertshofer und Sigi Zimmerschied, das sich in der Kunst des Möglichst-wenig-Sagens produzieren darf.

          Im Aschehaufen taucht ein künstliches Hüftgelenk auf

          Die Geschichte beginnt putzig: Im fiktiven Niedernussdorf melden zwei Lausbuben den Fund eines abgebissenen männlichen Fingers bei der Dienststellenleiterin Gisela Wegmeyer (Johanna Bittenbinder als geerdete Skeptikerin, die über ihrem dementen Vater verzweifelt). Schnell stellt sich heraus, dass sich nichts herausstellt. Keine Leiche, keiner, der einen Finger vermissen würde. Immerhin gibt es mit den Berners ein verdächtiges Sauzüchterehepaar: Der Opa ist angeblich pilgern auf dem Jakobsweg.

          Keiner, der einen Finger vermissen würde: Wegmeyer (Johanna Bittenbinder) und Lederer (Florian Karlheim)

          Wer's glaubt, sagt sich der aus Straubing herbeigeeilte Lederjackenträger Lederer (Florian Karlheim, der in Franz Xaver Bogners Serie „München 7“ noch Streifenpolizist war, hat es - leicht schmierig - zum Hauptkommissar gebracht). Er redet ein wenig zu gescheit daher, verwendet Ausdrücke wie „worst case“ und „Prämisse“, und überhaupt rennt er in alle Schweineställe des Dorfes und nimmt Bissspuren der Viecher ab. Dann taucht in einem Aschehaufen ein künstliches Hüftgelenk auf. Unerhört, so etwas gab es noch nie in Niedernussdorf: „Des letzte Moi, wo oana umbracht worn is, des war no unterm Hitler.“

          Auch Bully Herbig hat seine Spuren hinterlassen

          Opferbeseitigung via Schwein ist auch nicht neu, Thomas Harris hat das in „Hannibal“ durchexerziert. Also muss Lederer einsehen, dass seine Einzeltätertheorie keine Chance hat - eine Sau allein könne nie einen ganzen Mann fressen. So. Wir sind hier an der Basis, in matschigen heruntergekommenen Höfen, nicht in den Vierseit-Trutzburgen der Gäudboden-Granden. Bei den kleinen Leuten, einem Genre, das seit Jörg Grasers vor dreißig Jahren gezeigter poetischer Filmballade „Der Mond is nur a nackerte Kugel“ einen weiten Umweg genommen hat.

          Sozialkritik an den elenden Seiten des Landlebens passt nicht in die gegenwärtige Filmwelt, die ist aufgeräumter. Ohne einen Schuss Marcus H. Rosenmüller (“Wer früher stirbt, ist länger tot“) geht gar nichts mehr, und auch Bully Herbig hat seine Humorspuren hinterlassen, bis hin zum tatverdächtigen Schwein, das auf den Namen Jacqueline hört. Den Quotenbringern kann sich offenbar auch ein Max Färberböck nicht entziehen, dennoch hängt seine Spannungskurve zwischen all diesen Meistern der Parataxe durch. Dass die Musik von Ry Cooder zehrt und Zithermusik aus dem Bayerwald einsetzt, ist als Stilmittel altbewährt.

          Der Film kann sich nicht recht entscheiden, was er sein will: dialektpräzises Milieubild (“Hühner“ sagt dort kein Mensch), Polizeiparodie, Provinz-“Tatort“, Bauerndrama - es sind zu viele Versatzstücke. Dennoch gelingen dem Regisseur ein paar niederbayerisch erhabene Momente - als sich klärt, wem der Finger gehört und warum der Tod des Opfers beschwiegen wurde. Leben und leben lassen? Auch so ein Mythos aus der Oberbayernreklame: Die Niederbayern sehen das pragmatischer.

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