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Fernsehkritik: Beckmann : Der Knicks

  • -Aktualisiert am

Zu Gast bei der Königin: Beckmann bei Silvia Bild: dpa

Königin Silvia von Schweden kam nicht zu Beckmann. Beckmann besuchte sie auf Schloss Drottningholm. Ein Gespräch über Dinge, die in Vergessenheit geraten, beobachtet von Matthias Hannemann.

          5 Min.

          Dreieinhalb Jahrzehnte ist es her, da ereilte die deutsche Öffentlichkeit ein solch unfassbares Geschenk, dass man es für einen PR-Coup der sozial-liberalen Ära halten möchte: Silvia Renate Sommerlath, Unternehmertochter aus Heidelberg, ausgebildet an Schmidts „Sprachen & Dolmetscher Institut“ in München und VIP-Hostess bei den Olympischen Spielen 1972, heiratete einen Schweden mit furchtbar langem Namen - und alles war gut.

          Denn dieser Mann, Carl Gustaf Folke Hubertus Bernadotte, sah nicht bloß blendend aus. Er war seit September 1973 auch der junge König eines Landes, das Deutschland mit Birkenmöbeln, Kastenwagen und Politikkonzepten für Selbstabholer beglückte.

          Die deutsche Königin

          Und als sei dies alles nicht schon surreal genug, schlüpfte am Vorband der Hochzeit im Juni 1976 die hormonbedröhnte Tanzkapelle „Abba“ in Kostüme, um der Braut, die bald den König traut, per Fernseher die Jubelarie „Dancing Queen“ zu widmen. Keine Frage, die geistige Entwicklung der Bundesrepublik wäre eine dunklere gewesen, hätten nicht die Schweden in Zeiten der Öl- und Weltwirtschaftskrise ihre historische Mission erkannt. Dank Silvia von Schweden, der „deutschen Königin“, schien die „Bonner Republik“ endgültig an Bullerbü anzudocken.

          Es geht also schon in Ordnung, dass Reinhold Beckmann, der Traumforscher des deutschen Fernsehens, ausgerechnet jetzt zu einem gewaltigen Knicks ansetzt, um die schwedische Königin auf Schloss Drottningholm in ein Gespräch zu verwickeln. Zwar ist auf Drottningsholm leider nicht das Stickkissen zu sehen, das noch immer auf einem Sofa des Stockholmer Altstadtpalastes liegen soll („It's not easy being Queen“, steht darauf zu lesen, bei Königs schätzt man den Humor).

          Aber märchenhaft ist natürlich zauberhaft, ja sozusagen wunderbar, solange das deutsche Fernsehen nur bitte nicht auf zusätzliche Beleuchtung besteht wie damals Sandra Maischbergers Team, das Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit, wir erinnern uns mit Schrecken, bei Aufnahmen am Fjord das halbe Gesicht verbrannte.

          Zugeständnisse an den Feierabend-Monarchismus

          Die Aufregung, mit der Beckmanns Produktionsfirma seit der Aufzeichnung in Stockholm für das Interview mit der 65-jährigen warb, das „einzige große TV-Interview in diesem Jahr“, war jedenfalls so gewaltig, als sei Deutschland auf der Suche nach einer schwerwiegenden Verfassungsänderung.

          Noch größer war eigentlich nur die Überschrift der Vorab-Meldung: „Königin Silvia von Schweden denkt nicht an Ruhestand“. Alles andere wäre für Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt schließlich auch ein schwerer Schicksalsschlag gewesen.

          Das Gespräch, das Beckmann und Königin Silvia vor der geöffneten Flügeltür zum Schlosspark führten, war dann aber gleichwohl trotz aller Zugeständnisse an den deutschen Feierabend-Monarchismus ein ernstes. Es war ganz auf das Selbstverständnis moderner Monarchen abgestellt, die ihre gesellschaftliche Funktion als Botschafter aufmerksamkeitsbedürftiger Anliegen noch ernster nehmen als den Umstand, dass sie als Projektionsfläche der unterschiedlichsten Sehnsüchte herhalten sollen.

          Schwierigkeiten beim Sprechen über Demenz

          Die Queen in London pflanzte unlängst Bio-Gemüse. Die nordischen Thronfolger produzierten mit einer sozialkritischen Zeltübernachtung auf Grönland Schlagzeilen. Und Silvia, die Schirmherrin von über sechzig wohltätigen Organisationen ist und am Wochenende ein Leipziger Benefizkonzert mit Anne-Sophie Mutter beehrte, setzt sich zur Verwirrung idyllensüchtiger Fans nicht nur für sexuell missbrauchte Kinder ein.

          Sie hält auch die Hand über eine Einrichtung für Demenzkranke, an der auch Pfleger und Ärzte weitergebildet werden - das „Silviahemmet“, dessen Gründung 1996 auf die Erfahrung mit der eigenen, schlussendlich nach Stockholm geholten demenzkranken Mutter zurückging, die 1997 im Alter von neunzig Jahren verstarb.

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