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Fernsehen: „Vulkan“ bei RTL : Die letzten Tage von Bad Münstereifel

  • -Aktualisiert am

Darf in „Event-Filmen” nicht fehlen: Heiner Lauterbach, hier mit Sonja Gerhardt Bild: RTL / Willi Weber

Der „Vulkan“ mit Heiner Lauterbach, Armin Rohde und Yvonne Catterfeld ist die sehr deutsche Antwort auf Amerikas Katastrophenfilme: tricktechnisch zwar brillant, das Drehbuch aber verstimmt doch sehr.

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          Ach bitte, vergessen Sie doch das Klein- Klein der Koalitionsverhandlungen. Deutschland hat andere Probleme. Zu ihnen zählen Drehbuchautoren, die das Potential der deutschen Filmindustrie nicht ausschöpfen können oder, was noch schlimmer ist, nicht ausschöpfen dürfen - jedenfalls nicht so, dass sich Filme wie der „Vulkan“, den RTL an diesem Sonntag und Montag zeigen wird, maßgeblich von anderen Katastrophenfilmen unterscheiden würden, die historischen Kriegs- oder Nachkriegsdramen ausdrücklich eingeschlossen.

          Man mag die Nörgelei an einem Drehbuch für hysterisch halten. Auch der von der Produktionsfirma TeamWorx hergestellte „Vulkan“ wartet mit eindrucksvollen Tricktechniken auf, mit erstklassigen Kamerafahrten, ausdrucksstarken Schauspielern, mit einer Professionalität und einem Aufwand also, wie sie vor einigen Jahren allenfalls bei amerikanischen Kinoproduktionen denkbar waren, und auch dieser Film wird den Taschentuch- und Chipsverbrauch erhöhen. Die Sehnsüchte allerdings, die hier zum Ausdruck gebracht werden, sind gefährlich: Es ist das Schicksalshafte, auf das hier zurückgegriffen wird, das unbeeinflussbare Schicksal, das zusammenschweißt und emotionalisiert, die große Katastrophe, die alle wahren Gefühle erkennbar macht und zum Handeln zwingt. Man muss nicht erst nachschlagen, dass Edward Bulwer-Lyttons Roman „Die letzten Tage von Pompeji“ ausgerechnet in den Jahren vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg populär wurde, um die gesellschaftlichen Vorzeichen zu erkennen, die Schicksalsdramen für angebracht erscheinen lassen.

          Temporausch und Dosenbier

          Auch im Drehbuch, das Alexander Rümelin dem „Vulkan“ verpasst hat, ist noch eines der Grundmuster von Bulwer-Lytton erkennbar: der Vulkanausbruch als göttliche Strafe für eine Gesellschaft, die ihre Werte vergessen hat und doch unter diesem Werteverlust auch leidet. Nicht von ungefähr spielt der „Vulkan“ in Frankfurt am Main, der Finanzmetropole, und im Umfeld eines kleinstädtischen Bankdirektors in der Eifel, dessen Kreditpraxis den örtlichen Hotelbesitzer dem Infarkt entgegentreibt. Überhaupt, diese Eifel-Hölle: In Lorchheim, der Filmstadt mit den Fassaden Bad Münstereifels, kennt man zwar noch das echte, das familiäre und nachbarschaftliche Leben. Die örtliche Politik aber machen Versager, eitle und auf das nächste Schützenfest bedachte Selbstdarsteller, die Hotelbetten belegen Ehebrecher statt der erhofften „Wellness“-Touristen (später eine verstaubte Leiche: Katja Riemann), und die Daseinsberechtigung der Dorfjugend ist ganz auf den Temporausch, das Dosenbier und den Fortpflanzungsakt beschränkt.

          Bei den Dreharbeiten
          Bei den Dreharbeiten : Bild: RTL / Willi Weber

          Ein kleiner Vulkanausbruch kann da so verkehrt wohl kaum sein. Er kündigt sich durch das Brodeln an, das den See über dem alten Krater durchzieht, durch aufsteigende Gase, die ganze Schafherden verenden lassen. Er ist eine Herausforderung für die Doktorandin aus Berlin, die das Unheil rechtzeitig kommen sieht (Yvonne Catterfeld), eine Bewährungsprobe für den bodenständigen Feuerwehrmann (Matthias Koeberlin), erst recht für den Ordnungshüter, der ordnen nicht durfte (ein Vulkan für sich: Armin Rohde) - und eine Chance für den Bankdirektor, der ebenso hoch verschuldet wie versichert ist (wie schön er doch in ein Pausenbrot und in die Lippen seines Luxusweibchens beißen kann: Heiner Lauterbach); der Raffke, der Kapitalist, wird aus der Katastrophe natürlich unbeschadet hervorgehen.

          Und wer ist der Dumme, die Zuschauer einmal ausgenommen? Der kleine Mann. Der Held, jung, blond und blauäugig wie ehedem. Blutend schleppt er sich durch die Untergangskulisse. Keuchend hält er an seiner Aufgabe fest. Selbstlos ergibt er sich den Lavafluten, um seine Geliebte und andere Liebende zu retten.

          Das hatten wir doch alles schon mal, denkt man da. Das hätte man doch immerhin spannend und vor allem, was das Schicksal Deutschlands und der Eifel betrifft, zu Ende erzählen können. Im „Vulkan“ von RTL aber, der sehr deutschen Antwort auf Amerikas Katastrophenfilme, blinken nur die Rettungswagen, leuchten nur die Tränen vor dem feuerroten Krater. Die Szenen, in denen Regisseur Uwe Janson sein Gespür fürs Kammerspielhafte und Leise einbringen konnte, beschränken sich auf den ersten Teil. Es ist da kein wirklicher Trost, dass der Ausbruch immerhin auch die blöde Karriere-Schickse in Frankfurt erwischt (Jenny Elvers-Elbertzhagen). Ihr Auftritt beschränkte sich auf die Frage: „Sollen wir vorher oder hinterher arbeiten?“ Asche über ihr Haupt.

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