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Fernsehen : Mehr Pocher!

Pocher als Cruise als Stauffenberg Bild: dpa

Die „Gremien-Gremlins“ (Günther Jauch) der ARD haben wieder zugeschlagen. Ihr Opfer diesmal: Oliver Pocher. Doch die Kritik an dessen Auftritt in Stauffenberg-Uniform ist lächerlich.

          Es ist schon erstaunlich, was man alles über Claus Schenk Graf von Stauffenberg sagen und nicht sagen und wer ihn spielen und nicht spielen darf. Man darf darüber streiten, ob er Antisemit und Antidemokrat war. Doch man darf sich nicht in eine Wehrmachtsuniform werfen und mit Augenklappe den harmlosen Witz reißen: „Mit dem Ersten sieht man besser.“ Sebastian Koch und Sky Dumont dürfen den Hitler-Attentäter spielen, Tom Cruise darf es nicht, denn der ist Amerikaner und viel zu populär. Und Oliver Pocher darf es auch nicht, nicht einmal für einen Zweiminutensketch.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Harald Schmidt als Hitler hingegen, das war an der Grenze, blieb aber ohne Beanstandung. Die Satirepolizei der ARD verwarnte ihn nicht, Oliver Pocher aber wird gleich verhaftet. Soll man das Urteil mit der unterschiedlichen Fallhöhe der beiden begründen, von der sich ein jeder überzeugen kann, der ihre gemeinsame Sendung im Ersten sieht? Da spielen zwei miteinander, die nicht zusammenpassen, und deshalb ist es auch bald zu Ende. Sie quälen sich durch ihre Show und wirken dabei wie ein Ehepaar, das in Scheidung lebt, aber noch in der gemeinsamen Wohnung hockt. Bis April geht das so, vom kommenden Herbst an hat Schmidt wieder ein Soloprogramm.

          Weggemobbt vor dem Wechsel

          Bei Pocher steht das in Frage. Wägt er die Aversionen, die ihm aus den Reihen der ARD entgegengebracht werden, könnte es sein, dass er sich für einen Privatsender entscheidet. So wie ihm jetzt erging es vor Jahren Günther Jauch, der von RTL ins Erste wechseln wollte, Rundfunkräte des Westdeutschen Rundfunks aber hatten ihn schon weggemobbt, bevor er anfing. Von den „Gremien-Gremlins“ sprach der „Wer wird Millionär?“- Meister damals mit Recht.

          Diese putzigen Tierchen sind immer noch da, und sie verbeißen sich mit Pocher in die nächste prominente Figur. Eine Figur, die zweifellos polarisiert, aber nicht wenig dazu beitragen könnte, dass die ARD ihren Auftrag erfüllt, ein Programm auf die Beine zu stellen, das „Grundversorgung“ mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung nicht nur für die Generation „Sechzig plus“ leistet. Man muss Pochers Humor nicht unbedingt schätzen, sagt Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, kann aber trotzdem finden, dass er dazugehört. Genau so ist es.

          Die Kritik an seinem kleinen Stauffenberg-Auftritt wirkt vorgeschoben, sie ist lächerlich. Die Rundfunkräte, die nun in wohlfeiler Empörung aufmarschieren, sollten daran denken, dass es ihre Aufgabe nicht ist, Geschmackszensur auszuüben, und das Programm nicht daran gemessen wird, ob es bestimmten, nach politischem Proporz ausgewürfelten Gruppen behagt. Sie vergreifen sich an dem operativen Geschäft, für das die Zuschauer Intendanten und Programmchefs in die Pflicht nehmen. Es ist ein Missverständnis zu glauben, es müsse einem alles gefallen, was im Ersten, Zweiten und in den Dritten läuft. Das wissen sogar Fernsehkritiker. Mit dem lustlosen Harald Schmidt allein macht die ARD keine gute Figur. Pocher aber hat sein Potential noch gar nicht ausgespielt, ob mit Augenklappe oder ohne. Mehr Pocher wagen ist das Gebot der Stunde.

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