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Fernsehen: „Ein Investmentbanker packt aus“ : Die Geschichte eines Verrats

Der Nestbeschmutzer: Geraint Anderson Bild: WDR

Vom Aufstieg des reinen Toren in der Finanzbranche: Der Dokumentarist Stephan Lamby stellt einen Londoner Investmentbanker vor, der vom Wertpapiergeschäft nichts verstand. Boni bekam er trotzdem. Dann wurde er zum Nestbeschmutzer.

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          Vom ersten Satz - „Dies ist eine Geschichte von Habgier und von Angst“ - bis zum letzten - „Die große Party ist zu Ende“ - dauert es dreiundvierzig Minuten. Diese kurze Frist deckt dreizehn Lebens- und vor allem zwölf Berufsjahre des Londoner Investmentbankers Geraint Anderson ab und etliche Milliarden Euro, die durch seine Hände geflossen sind. Die letzte Bonuszahlung, die Anderson am 31. Januar 2008 von seinem letzten Arbeitgeber Dresdner Kleinwort überwiesen bekam, belief sich auf eine halbe Million Pfund. Dann stieg er aus.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seine Geschichte ist die eines Verrats, denn Anderson wäre nichts weiter als ein durchschnittlicher überdurchschnittlich bezahlter junger Mann, wenn er nicht von 2006 an in einer Londoner Stadtzeitung eine anonyme Kolumne verfasst hätte, die über die skrupellose Geschäftspraxis und das moralisch lockere Leben der Investmentbanker berichtete. „City Boy“ hieß sie, nach der Bezeichnung für die smarten Angestellten in der Londoner City, dem Bankenviertel der englischen Hauptstadt. Anderson hatte seine Karriere dort 1995 als Dreiundzwanzigjähriger begonnen, weil er nur hier die Möglichkeit sah, genug Geld zu verdienen, um nach genau fünf Jahren wieder jenes Hippie-Leben aufzunehmen, das der Sohn eines walisischen Labour-Abgeordneten in Indien schätzen gelernt hatte. Vom Wertpapiergeschäft verstand er nichts.

          Prostitution war nicht absetzbar

          Glaubt man ihm, hat sich daran seither nicht viel geändert. Das sei auch nicht nötig, denn als wichtiger galt es, die Kunden bei Laune zu halten, und da zeichnete sich der junge Mann aus kultiviertem Hause durch großen Einsatz aus. Nach dem Büro ging es abends in Stripteasebars, dass er Geschäftspartnern nicht Prostituierte besorgen musste, lag daran, dass er die Kosten dafür nicht als Spesen hätte absetzen können.

          Wenn man Anderson dabei zusieht, wie er in Stephan Lambys Dokumentation „Der große Rausch“ vor der Kamera von Reiner Bauer auftritt, wie er lacht, wenn er davon spricht, dass die aktuelle Finanzkrise „biblische Ausmaße“ habe, oder davon, dass wir sie nun live - „in your face“ - erleben könnten, dann blitzt immer noch der Zynismus auf, den Anderson seiner ganzen Branche attestiert. Er ist keine Ausnahme und behauptet das auch gar nicht. Das macht den unschuldigen Auftritt des ausgestiegenen Bankers so unheimlich. Und das machte seine Kolumne so erfolgreich.

          Neue Einnahmequelle als Kapitalismuskritiker

          Lamby geht seinem Gewährsmann erfreulicherweise nicht auf den Leim. Nachdem Anderson 2007 einen schweren Motorradunfall überlebt hatte, fasste er den Entschluss, seinem Job den Rücken zu kehren - aber natürlich erst nach der Bonuszahlung vom 31. Januar 2008, so wenig Moral musste schon sein. Sofort danach gab er sich als Autor von „City Boy“ zu erkennen, was ihm eine neue sichere Einnahmequelle, nun als Kapitalismuskritiker, bescherte (siehe: „Ich will der City einen Spiegel vorhalten“). In Londons Finanzdistrikt gilt er seither als Nestbeschmutzer, und es fand sich denn auch niemand unter den früheren Arbeitgebern von Anderson oder auch nur von der britischen Finanzaufsicht, der in Lambys Film Stellung nehmen wollte.

          Drei Journalisten, der Mitarbeiter einer Business-Schule, die Eltern - das sind schon alle Gewährsleute, die Lamby aufbieten kann, um den Aufstieg des reinen Toren Anderson zum erfolgreichen Investmentbanker beglaubigen zu lassen. Und da es angesichts dessen doch relativ geringer Bedeutung nur wenige Bilder von Anderson aus dessen Berufsjahren gibt, wurden im Herbst 2008 diverse Szenen nachgestellt: Kneipenbesuche mit Kollegen, Nachtclub-Ausflüge, Boxtraining, Kopfschütteln beim Studium von E-Mails der Kolumnenleser.

          Artifizieller Beigeschmack

          Dadurch bekommt die Dokumentation einen artifiziellen Beigeschmack. Lamby traut den Erzählungen seines Gegenübers offenbar nicht zu, den ganzen Film zu tragen, doch hier wäre es eher angebracht gewesen, gar nichts zu zeigen außer dem freundlichen Herrn Anderson, der über seine janusköpfige Branche berichtet - und unfreiwillig auch über das eigene Doppelgesicht. Die Bilder der gläsernen Hochhäuser und der trading rooms dagegen, die Blicke auf Börsennotierungen und Statussymbole - sie sind allesamt abgeschmackt und in den vergangenen vier Monaten fast zur Selbstparodie geworden.

          Schön dagegen ist, dass Lamby nach dem Schlusssatz, den er über die Aufnahmen eines sich im Boxstudio mit Liegestützen quälenden Anderson legt, die Kamera noch ein wenig weiter laufen lässt - bis der ehemalige Investmentbanker auf dem Boden liegt und sein Trainer ihm zuruft: „No quitting!“ Dieses „Nicht aussteigen“ ist ein ironischer Kommentar auf das ganze Leben des Geraint Anderson.

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