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Fernsehen : Amok laufen die anderen

  • -Aktualisiert am

Ludwig Trepte in „Ihr könnt euch niemals sicher sein” Bild: WDR/Thomas Kost

Oliver ist der Außenseiter im neuen Gymnasium. Eine unglückliche Verkettung von Missverständnissen löst eine Panik aus, die nach den Schulmassakern sehr realitätsnah wirkt: der Fernsehfilm „Ihr könnt euch niemals sicher sein“.

          Oliver ist der Außenseiter im neuen Gymnasium. Der Zugezogene. Das unbeschriebene Blatt. Außer seiner Mitschülerin Charlotte (Karoline Teska) hält es niemand der Mühe wert, ihn wahrzunehmen. Von seiner Mordswut haben weder seine Lehrer noch die Eltern (Jenny Schily und Jürgen Tonkel), die ganz mit sich selbst beschäftigt sind, die leiseste Ahnung. Wären sie aufmerksamer gewesen, so macht der Film „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ glauben, hätten sie zugehört, bevor Oliver die Frustration über seine Unsichtbarkeit in gerappte Gewaltphantasien umzusetzen begann, nichts wäre geschehen. Bestenfalls hätte der Schüler einen Plattenvertrag bekommen und wäre mit den zahmeren seiner Rhymes, Xenien und Hip-Hop-Texte ein würdiger Kandidat für die Eminem-Nachfolge geworden. Die abstoßenden Computerspiele hätten sich bei der polizeilichen Hausdurchsuchung wohl eher nicht auf seinem Laptop befunden.

          Denn Oliver ist genauso intelligent und eloquent wie tief verunsichert. Er hat ein Gefühl für Sprache und ein Händchen fürs Schreiben, nur merkt es eben keiner. Auffällig ist einzig seine Weigerung, so zu funktionieren wie die meisten anderen Schüler. Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und mürrischer Miene nimmt er in der Klasse seine endgereimte Arbeit über Werthers Selbstmord entgegen, die die verhasste Deutschlehrerin Vollrath (Anneke Kim Sarnau) mit null Punkten bewertet. Diesmal jedoch wehrt er sich, mit Worten, erklärt sein Bemühen um den Geist Werthers. Immer hilfloser, verbal immer aggressiver. Später, wenn die Hysterie ihren Höhepunkt erreicht, wird seine Brandrede in eigener Sache als Beweis für seine Gefährlichkeit dienen. Als er die Zwecklosigkeit seiner Worte einsieht, räumt Oliver das Feld, nicht ohne im Klassenraum einen Zettel mit Selbstgedichtetem zu verlieren, der die Lawine ins Rollen bringt.

          Die Geschichte einer Panik

          Als eine unglückliche, überflüssige Verkettung von Missverständnissen und Kommunikationsverwerfungen - so erzählt der von Nicole Weegmann in Szene gesetzte Film die Geschichte einer Panik, die nach den Schulmassakern von Littleton, Erfurt und Emsdetten, um nur einige zu nennen, sehr realitätsnah wirkt. Ohne die Amokläufe dieser Jugendlichen zu rechtfertigen, nimmt der Film ganz die Perspektive Olivers ein, der aufgrund der anschwellenden Hysterie und der berechtigten Sorge um Sicherheit von seiner Lehrerin erst angezeigt und dann von der Polizei mit der hilflosen Zustimmung der Eltern in die Psychiatrie eingewiesen wird. Dass der Schluss des Films vor allem darauf setzt, Oliver als Opfer seiner Mitwelt wie der Umstände darzustellen und sich einen wohlwollenden Ausblick anklebt, nimmt ihm allerdings einiges von seiner Verstörungskraft. Wenn nur alle sich immer strebend um Kommunikation bemühen, dann ist Gewalt für Jugendliche kein Thema mehr, so die vom Ende her allzu optimistisch nachgeschobene Botschaft.

          Inspiriert von Filmen wie der Jugendpsychiatriestudie „Girl, interrupted“ mit Angelina Jolie und dem Eminem-Rapvehikel „8 Mile“ gibt der ansprechend fotografierte Film (Kamera: Judith Kaufmann) vor allem seinem Hauptdarsteller Ludwig Trepte Raum und Gelegenheit, seine Figur nuancenreich als sensiblen und begabten zornigen jungen Mann darzustellen, der sich wie der Nachwuchs zu allen Zeiten herausnimmt, gegen den Strom zu schwimmen, und dabei fast untergeht. Neben Trepte, der mit Anfang zwanzig schon mit Schauspielpreisen überschüttet wird, haben gestandene Mimen wie Anneke Kim Sarnau, Jenny Schily, Jürgen Tonkel und auch Hannes Hellmann als Charlottes Vater Mühe, sich zu behaupten. Dass Trepte sie nicht an die Wand spielt, obwohl das auf ihn zugeschnittene, detailliert recherchierte Drehbuch von Eva Zahn und Volker A. Zahn ihm dazu jede Gelegenheit bietet, ist bemerkenswert.

          Als Ludwig Trepte in diesem Jahr neben anderen den Grimme-Preis für seine Leistung in dem Spielfilm „Guten Morgen, Herr Grothe“ entgegennahm, in dem er wie in „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ auch einen sogenannten „schwierigen“ Schüler verkörpert, sah man bei der traditionell unglamourösen Veranstaltung im Stadttheater in Marl einen bescheidenen Geehrten von eher unscheinbarer Statur im etwas zu großen, aber lässig sitzenden Anzug. Mit todernster Miene sprach er davon, erst am Anfang zu stehen und mit viel Arbeit immer besser werden zu wollen. Dass Ludwig Trepte schon jetzt ein Großer ist, darf man mit Fug und Recht behaupten.

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