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Fernsehduell : Wer angreift, hat verloren

Dass bei ihrem Fernsehduell keine Funken fliegen, liegt nicht (nur) an fehlendem Charisma: Steinmeier und Merkel im Bundestag Bild: REUTERS

Auch das Kanzlerduell wird den Wahlkampf nicht eröffnen. Warum die Farblosigkeit der Kandidaten kein persönliches Manko ist, sondern, im Gegenteil, nur die logische Konsequenz des medialen Anforderungsprofils.

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          Wäre die Frage, wer die nächste Bundeskanzlerin wird, nicht schon längst eine rhetorische: Patricia Riekel und Claus Peymann hätten einen beträchtlichen Einfluss auf ihre Beantwortung: Die Chefredakteurin der Illustrierten „Bunte“ und der bekennende Fernsehverachter nämlich sollen am Sonntag mithelfen, bei Anne Will zu erklären, wer denn nun eigentlich das sogenannte Kanzlerduell gewonnen hat.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das hat Tradition: Schon in den Jahren, in denen sich die Kandidaten bemüht hatten, mit unterscheidbaren Positionen und Temperamenten die Zuschauer für sich zu gewinnen, betrachteten es die Fernsehsender als ihre journalistische Pflicht, den Bürgern die Aufgabe abzunehmen, die Performance, die sie kurz vorher gesehen hatten, selbst zu bewerten.

          Die großkoalitionäre Harmonie aber, die den bisherigen Wahlkampf beherrschte, führt auf allen Kanälen zu einem Maximaleinsatz von Deutern und Einschätzern, die die prognostizierte Langeweile weginterpretieren sollen. Zu den Bürgern Riekel und Peymann gesellen sich Günther Jauch und Hans-Ulrich Jörges sowie Edmund Stoiber und Klaus Wowereit, die immerhin den Vorteil haben, schon heute zu wissen, wer sich besser geschlagen haben wird.

          Eines hat er schon einmal klargestellt: Von einem Wüterich hast Frank-Walter Steinmeier nichts

          Fragen Sie ihren Arzt oder Prominenten

          Auch die anderen drei übertragenden Sender wollen es nicht dem Zufall überlassen, wen die öffentliche Meinung anschließend zum Sieger erklärt. Das ZDF fragt nicht „prominente Zuschauer und Politiker“ nach ihrer Meinung, dafür aber Ärzte und Krankenschwestern in einem Krankenhaus in Brandenburg sowie Fabrikarbeiter aus Baden-Württemberg. Bei RTL vor- und nachberichten die Ansagerinnen Ilka Eßmüller und Frauke Ludowig aus einem Außenstudio vor dem „Hotel Adlon“ und versuchen einen repräsentativen Überblick zu vermitteln, wer eben auch so alles wählen darf: die Schauspielerinnen Alexandra Kamp und Sophia Thomalla zum Beispiel, aber auch der Schneider Otto Kern. Schließlich hält sich der Mythos hartnäckig, es gehe in der Debatte vor allem darum, wie man aussieht. Und Michael Michalsky hatte offensichtlich keine Zeit. Und wer noch nicht weiß, dass Guido Westerwelle das Gespräch der Kanzlerin mit ihrem Vize für eine Farce hält, kann es sich von ihm bei Sabine Christiansen und Stefan Aust auf Sat.1 noch einmal erzählen lassen.

          Nur die sogenannten Nachrichtensender verweigern die Teilnahme an der Personality-Show und widmen sich ab 22 Uhr Themen von zeitloser Bedeutung: N24 zeigt eine amerikanische Dokumentation über die beiden Marsrover „Spirit“ und „Opportunity“, ntv eine über Supervulkane, beides vergleichsweise relevante Probleme (wobei man den Sendern da sicher keine Absicht unterstellen sollte).

          Was soll schon groß passieren?

          Auch wenn die Umfragen, die dem Duell nun noch schnell wahlentscheidende Bedeutung bescheinigen, vor allem nach Werbung für das sogenannte TV-Highlight klingen, darf man die Wirkung des Duells nicht unterschätzen. Allein die Rekordeinschaltquote von bis zu zwanzig Millionen Zuschauern, die auch diesmal erwartet wird, zeigt, wie sehr sich das öffentliche Interesse auf diesen Abend konzentriert: Die einzelnen Fernsehauftritte der Kandidaten wollten bisher, wenn es gut lief, höchstens vier Millionen Menschen sehen. Den Eindruck, dass man dem Anblick der beiden Spitzenkandidaten in den vergangenen Tagen kaum noch entkam, können also schon rein rechnerisch nicht alle teilen. Für viele wird das Duell, so beunruhigend das klingt, tatsächlich die erste Gelegenheit sein, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, wenn man davon sprechen kann, einmal in Aktion zu erleben.

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