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Fernsehbericht über BND-Informanten : Wer hat Amerika für den Krieg gespickt?

Ein amerikanioscher Soldat bewacht im Irak eine brennende Ölquelle, die von irakischen Truppen beim Rückzug in Brand gesetzt worden war (2003) Bild: dpa

Die Begründung für den Irak-Krieg beruhte auf Lügen: Das NDR-Magazin „Panorama“ hat jetzt den BND-Informanten ausfindig gemacht, der Bush die Argumente lieferte - und der auf der Gehaltsliste des BND stand.

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          Die besten Geschichten liegen auf der Straße, sagen Reporter oft. Auf die NDR-Dokumentation „Die Lügen vom Dienst - Der BND und der Irakkrieg“ trifft dieser Spruch noch ein bisschen mehr zu. Erst auf einer ruhigen Straße in Karlsruhe passiert nämlich das, was den NDR-Reporter Stefan Buchen und seinen dänischen Kollegen Poul Erik Heilbuth veranlasst, noch einmal das möglicherweise größte Desaster in der Geschichte des Bundesnachrichtendiensts (BND) für das Fernsehen aufzurollen.

          Der Beginn der Reportage zeigt Heilbuth, als er gerade den früheren BND-Informanten Rafid A. ausfindig gemacht hat, den nicht nur Geheimdienstkreise unter seinem Decknamen „Curveball“ kennen. Dann hindern zwei von Curveball gerufene Polizisten den Reporter an den Dreharbeiten, und er muss das gefilmte Material wieder löschen. Doch der Däne bleibt an der Geschichte dran, und nur wegen der Reaktion der Polizisten steigt auch die Redaktion des NDR-Politmagazins „Panorama“ in die Recherche zu einem vermeintlich alten Fall ein: Man will wissen, wie und wovon Curveball heute lebt. Der Mann also, dessen Hinweise die Regierung der Vereinigten Staaten verwendet hatte, den 2003 begonnenen Irak-Krieg zu begründen. Hinweise, die sich Curveball von hinten bis vorne ausgedacht hatte. Denn dass er ein Lügner ist, steht heute fest.

          Colin Powell zeigt Bilder, die auf Curveballs Angaben basieren

          Als Asylbewerber kommt Curveball 1999 nach Deutschland und kurz danach mit dem BND in Kontakt. Er sei irakischer Chemie-Ingenieur und habe für das angeblich geheime Biowaffenprogramm Saddam Husseins gearbeitet, erklärt Rafid A. den Geheimdienstmitarbeitern. Ausführlich berichtet er über als Tanklaster getarnte mobile Biowaffenlabors, in denen das Regime Husseins Milzbranderreger herstelle. Der deutsche Nachrichtendienst leitet Curveballs Aussagen an die amerikanische CIA weiter - und das, obwohl sich die Regierung Gerhard Schröders damals offiziell nicht am drohenden Krieg der „Koalition der Willigen“ im Irak beteiligen will.

          Keine Stellungnahme, nirgends: NDR-Reporter Stefan Buchen und Informant „Curveball” (rechts)

          Anfang Februar 2003 hat Curveball vor den Vereinten Nationen in New York dann seinen Auftritt - ohne selbst anwesend zu sein. Der damalige amerikanische Außenminister Colin Powell präsentiert der Weltgemeinschaft computergenerierte Bilder und Zeichnungen, die auf Curveballs Angaben beruhen, und nennt ihn in seiner Rede als die wichtigste von vier Quellen, die das irakische Programm für Massenvernichtungswaffen belegen sollen. Keine zwei Monate nach Powells Rede beginnt die Invasion des Iraks. Doch die angeblichen Massenvernichtungswaffen tauchen nicht auf. 2004 stellt ein Ausschuss des amerikanischen Senats offiziell fest, dass Curveball geblufft hatte. Die Begründung des Kriegs beruhte auf Lügen.

          Für ein Nettomonatsgehalt von 3000 Euro

          Es ist eine Katastrophe für Powell, der sich bis heute an die Rede vor den Vereinten Nationen als den schwärzesten Tag seiner politischen Karriere erinnert. Es ist aber auch ein Desaster für die CIA und den BND. Und es ist eine schon vielfach erzählte Geschichte: Der amerikanische Journalist Bob Drogin hatte vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht über den „Hochstapler, dessen Lügen einen Krieg verursachten“ - so der Untertitel. Im selben Jahr hatte das amerikanische Fernsehmagazin „60 Minutes“ den Informanten in Deutschland enttarnt. Der „Spiegel“ hatte ihn schließlich ein Jahr später ebenfalls gefunden und zu Wort kommen lassen. Damals bestritt Curveball, je gesagt zu haben, „dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat“.

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