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Fernseh-Skandal : Verblödung mit System

Szene aus „Die Freundin der Tochter”, Drehbuch: „Marie Funder” Bild: © NDR/Stefan Erhard

Zwischen Impotenz und Allmacht: Der Fall Heinze ist nur Symptom der byzantinischen Zustände, unter denen das Fernsehen leidet. Zu fragen ist nach den atmosphärischen Bedingungen, die dem Sumpf überhaupt erst zu wachsen erlauben.

          Von falschen Drehbüchern war viel die Rede in der vergangenen Woche: von Autoren, die nicht echt waren; von einer Fernsehspielchefin, mit der die Fiktion durchgegangen war; von Biographien, die eher in die Idylle jener Bücher zu passen schienen als in die Wirklichkeit des harten Autorenalltags: jenen in Kanada lebenden Niklas Becker, den man so schlecht telefonisch erreichen konnte, oder jene Marie Funder, die sich an die irische Ostküste zurückgezogen hatte, wo sie in die „emotionalen Welten“ ihrer Figuren eintauchte.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn aber nun, Stück für Stück, die Pseudonyme von Doris Heinze enttarnt werden, der suspendierten Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks; wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, wer noch alles profitierte von der Vetternwirtschaft zwischen Programmmachern und Produzenten; wenn die Verantwortlichen des Senders von Heinzes „hoher krimineller Energie“ sprechen (so der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust) und ihrem „unlauteren Verhalten“ (NDR-Intendant Lutz Marmor); wenn also alle Mängel des Systems mit dem Hinweis auf menschliches Versagen beiseitegewischt werden: dann muss man sich fragen, ob das Skript, dem diese Reaktionen folgen, nicht noch viel stereotyper ist als all die Schmonzetten, die Heinze und ihrem Mann zur Last gelegt werden. Wie jene Reflexe, die nur in der Gier moralisch verkommener Manager die Ursache für die Krise eines anderen Systems sehen, scheint es damit getan zu sein, das Personal auszutauschen.

          Wenn jemand nicht zu erreichen ist

          Es geht gar nicht nur um Korruption und Kumpanei; darum geht es aber auch. Vielmehr wäre zu fragen nach den atmosphärischen Bedingungen, die dem Sumpf überhaupt erst zu wachsen erlauben: nach dem Geflecht von Sendern, Produktionsfirmen, Filmgesellschaften und Förderanstalten, nach dem Qualitäts- und Selbstverständnis der Redakteure. Dass die fiktiven Autoren so lange ihre Drehbücher anbieten konnten, das hat ja nicht nur mit der Skrupellosigkeit einer Fernsehspielchefin zu tun oder gar mit der Glaubwürdigkeit der von ihr gefälschten Biographien. Es zeugt eben auch von einer Kultur, die es nicht weiter irritiert, wenn jemand, der für das Gelingen eines Fernsehfilms ja nicht ganz unwesentlich ist, für Rückfragen nicht zur Verfügung steht und allen Änderungen am eigenen Werk absolut gleichgültig gegenübersteht.

          Für Kenner ist, was da jetzt herausgekommen ist, keine Überraschung. Der Regisseur Christopher Roth schilderte schon 2002 im Gespräch mit dieser Zeitung seine Erfahrungen mit Doris Heinze, die Roths Film „Candy“ produziert hatte und dann nicht ausstrahlen wollte. „Es hieß, weil häufig große Uhren zu sehen sind, auf denen Rolex steht, sei es problematisch. Das haben wir dann aufwendig retuschiert, dann hat die Redakteurin ihn auch nicht zeigen wollen, obwohl sie während der Dreharbeiten und während des Schnitts nie was gesagt hat. Doris Heinze war vor Jahren auch an dem berüchtigten ARD-Papier beteiligt, in dem steht, dass alle Filme, die in der ARD gezeigt werden, sofort verstanden werden müssen, dass sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürfen und dass Motive sich in bestimmten Abständen wiederholen müssen.“

          Der Konformitätsdruck, der von solchen Papieren ausgeht, selbst wenn sie nicht als offizielle Richtlinien verabschiedet werden, sondern nur als vage Kontrollkriterien durch Verantwortlichenköpfe spuken, ist für Autoren wie für Regisseure deutlich spürbar: Der Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) sprach vor zwei Jahren von der „Schreckensherrschaft der Dramaturgen und Lektoren“; und ein anderer, nicht ganz unerfolgreicher Regisseur zog es aus naheliegenden Gründen vor, anonym zu bleiben: „Für einen einzelnen Produzenten, Regisseur oder Autor ist es beruflicher Selbstmord, über die Presse einen Fernsehredakteur oder die Öffentlich-Rechtlichen zu kritisieren. Ich hab daher volles Verständnis dafür, dass sich keiner traut.“

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