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Fernseh-Frühkritik: Anne Will : Tief im deutschen Mief

  • -Aktualisiert am

Interessieren sich die Deutschen noch für ihre Nachbarn oder nur für ihre Rente? Bild: dpa

Im Deutschen Bundestag wird heute auch von Solidarität die Rede sein. Aber interessieren sich die Deutschen überhaupt noch für ihre Nachbarn? Wer gestern Anne Will gesehen hat, muss seine Zweifel haben.

          4 Min.

          Existiert Europa? Was für ein Frage. Der Bundestag wird in wenigen Stunden über ein Instrument namens „Europäische Finanzstabilisierungsfazilität“ entscheiden. Da müsste sich diese Frage eigentlich erübrigen. Aber es beschleichen einem gewisse Zweifel. Wenigstens dann, wenn man gestern in der ARD Anne Will gesehen hat. Sie beschäftigte sich als dritte ARD Talk Show in vier Tagen mit der europäischen Misere. Nun sind interessante Gäste in der ARD offenbar ein knappes Gut. Ansonsten ist es wohl nicht zu erklären, warum der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl in die Sendung eingeladen worden ist. Wahrscheinlich wegen seiner dezidierten Überzeugungen - gegen den Rettungsschirm - und seinem Wissen, wie man in Talk Shows zu argumentieren hat. Kurz und knackig.

          Leider ging das schon in seinem ersten Statement daneben. Er verglich das griechische Problem mit einem kleinen Jungen. Wäscht der noch das Auto, wenn er schon vorher seinen Lohn bekommen hat? Leider konnte der kleine Junge keine Antwort geben. Dafür vermittelte der Unternehmer interessante Erkenntnisse über seine Ehefrau, die CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl. Sie wird heute für den Antrag der Bundesregierung stimmen. Sie sei aber eine unabhängige Politikerin, meinte der Ehemann, „mehr oder weniger“. Über das weniger hätte man gerne Auskunft bekommen.

          Nun hatte diese Sendung sicherlich nicht das Ziel, die intellektuellen Grenzen der Kritiker der europäischen Rettungspolitik zu dokumentieren. Wenn doch, suchte man im europäischen Ausland Abhilfe. Der interessanteste Gast des Abends war der Präsident des slowakischen Nationalrats, Richard Sulik. Er ist der Gründer einer rechtsliberalen Partei in der Slowakei und man kann ihn getrost als „neoliberal“ bezeichnen. Er hat sich in den vergangenen Wochen als ein Kritiker dieser europäischen Politik profiliert. Seiner Meinung nach ist sie nichts anderes als „gekaufte Zeit“. Vor allem aber sieht er einen Verstoß gegen die Grundsätze, die die Slowakei bei ihrem Eintritt in die Eurozone vor zwei Jahren selber erfüllen musste, nur jetzt offenkundig keine Rolle mehr spielen. Etwa dass man nicht für die Schulden anderen Eurostaaten aufzukommen hat. Die Slowakei muss als Eurostaat den Beschlüssen zum EFSF noch zustimmen. Sulik lehnt diese Politik ab. Sie kann tatsächlich noch im Oktober in Bratislava scheitern. Es gäbe also gute Gründe, sich mit der Slowakei zu beschäftigen.

          Deutscher Mief

          Nun ist die deutsche Debatte über die Europapolitik vor allem eins: Deutsch. Selbst in den unzähligen Talk Shows zu dem Thema findet man nur selten einen Gast aus dem europäischen Ausland. Diese Debatte findet weitgehend im deutschen Mief statt. Anne Will hat das geändert - und ist doch gescheitert. Denn wenn es gestern eine Erkenntnis gegeben hat: Es interessiert niemanden, wie in anderen europäischen Staaten ein Thema diskutiert wird, das angeblich eines der „europäischen Solidarität“ ist. Ansonsten wäre man etwa auf Suliks Argument eingegangen, warum etwa ein vergleichsweise armer Staat wie die Slowakei für einen Staat wie Griechenland Risiken übernehmen soll. Sulik verwies auf die Durchschnittsrente in der Slowakei von 360 €, im Gegensatz zu den 1.600 € in Griechenland.

          Zwar sind Suliks Zahlen durchaus demagogisch zu nennen: die griechische Durchschnittsrente betrug laut OECD im Jahr 2007 617 €. Aber hindert uns das daran, sich deshalb für die Verhältnisse in der Slowakei zu interessieren? Anne Will schon. Sie brachte diverse Einspieler, etwa über die Sichtweise Mindener Bürger auf ihren Gast Steffen Kampeter, seines Zeichens parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Er wolle Bundeskanzler werden, teilte man uns dort mit. Aber etwas Substantielles über die slowakische Diskussion wurde in der Sendung nicht vermittelt. Sulik wurde lediglich zur Bereicherung der deutschen Debatte eingeladen.

          Staatssekretär Kampeter ließ uns dann auch wissen, dass die Slowakei ein höheres Haushaltsdefizit habe als Deutschland. Sulik wurde von ihm ideologisch bekämpft. Wobei wohl niemanden mehr aufgefallen ist, dass etwa das Steuermodell der slowakischen „Flat Tax“ vor wenigen Jahren noch im Wahlprogramm der CDU zu finden gewesen ist. Sulik war in der Slowakei einer der Initiatoren gewesen; in Deutschland galt es als Vorbild für eine moderne Steuerpolitik, das Platz fand auf einem Bierdeckel. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man als Staatssekretär seine Erkenntnisse von gestern vergessen kann. Allerdings ist die Selbstgefälligkeit geblieben, vor allem im Umgang mit sogenannten europäischen Partnern.

          „Sie werden sich fügen müssen.“

          In der Hinsicht wusste auch Klaus von Dohnanyi Interessantes zu berichten. Er riet dem slowakischen Gast nicht nur zum Austritt aus der Eurozone, wenn die Slowakei die erweiterte EFSF nicht ratifizieren sollte. Er fand auch eine passende Formulierung: „Sie werden sich fügen müssen, wenn sie nicht austreten wollen.“ Das hat man in der Deutlichkeit schon Ewigkeiten nicht mehr gehört. Warum sich aber die Slowaken um deutsche Lebensversicherungen sorgen müssen, wusste der ehemalige Hamburger Bürgermeister auch nicht zu erklären. Denn er konnte durchaus mit bedrückenden Szenarien aufwarten. Für ihn ist die private Vermögensbildung in Gefahr. Ökonomen nennen das Kapitaldeckung. Wenn der europäische Rettungsfonds scheitert, sei nichts mehr sicher, so Dohnanyi. Nicht nur die Banken, auch Lebensversicherungen und Pensionsfonds drohten in den Abgrund gerissen zu werden.

          Das ist zwar ein gutes Argument. Aber wen interessieren schon Argumente, wenn sie folgenlos bleiben? Am Ende präsentierte uns nämlich Anne Will eine Anlageberatung. Dort wurde unverdrossen über die Vorzüge der privaten Geldanlage räsoniert. Wo kann ich heute investieren? Was bringt die besten Renditen? Ist Gold eine gute Geldanlage? Oder doch besser Aktien? So erfuhren wir von des Staatssekretärs Lebensversicherungen und seinen Kindern als Zukunftsinvestition. Dem breiten Portefeuille des Unternehmers aus Nürnberg. Unglücklicherweise wurde die Deutschland-Korrespondentin von CNBC, Silvia Wadhwa, zum Dienst am Anleger verpflichtet. Sie vermittelte vorher durchaus interessante Einsichten, etwa „dass sich Politiker nicht immer von den Banken ins Bockshorn jagen lassen sollten.“ Das brauchen die Banken aber gar nicht zu befürchten. Offenkundig leben wir in einem ideologischem Vakuum, wo alles möglich ist. Selbst kurz vor dem Zusammenbruch des Kartenhauses „Kapitalmarkt“ wird unverdrossen weiter dieses Kartenhaus als gutes Investment betrachtet. Von der Gesetzlichen Rentenversicherung etwa war nicht die Rede.

          Anne Will dokumentierte das Problem dieser Art von Talk Show. Zu viele Gäste reden munter los und alles vermischt sich am Ende zu einem ungenießbaren Brei. Selbst gute Argumente gehen unter, weil sich niemand mehr die Mühe macht, ein Argument tatsächlich zu Ende zu denken. So wäre es gestern durchaus spannend gewesen, etwas über die Slowakei zu erfahren. Auf die Idee ist nur leider niemand gekommen. Existiert Europa? Im deutschen Bewusstsein wohl nicht mehr. Wir interessieren uns nur noch für uns selbst. Trotzdem wird Europa heute im Deutschen Bundestag gerettet werden. Aber wahrscheinlich retten wir uns nur selbst. Insoweit war Anne Will eine lehrreiche Sendung. Wer hätte das gedacht?

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