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Fernseh-Frühkritik: Anne Will : Tief im deutschen Mief

  • -Aktualisiert am

Interessieren sich die Deutschen noch für ihre Nachbarn oder nur für ihre Rente? Bild: dpa

Im Deutschen Bundestag wird heute auch von Solidarität die Rede sein. Aber interessieren sich die Deutschen überhaupt noch für ihre Nachbarn? Wer gestern Anne Will gesehen hat, muss seine Zweifel haben.

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          Existiert Europa? Was für ein Frage. Der Bundestag wird in wenigen Stunden über ein Instrument namens „Europäische Finanzstabilisierungsfazilität“ entscheiden. Da müsste sich diese Frage eigentlich erübrigen. Aber es beschleichen einem gewisse Zweifel. Wenigstens dann, wenn man gestern in der ARD Anne Will gesehen hat. Sie beschäftigte sich als dritte ARD Talk Show in vier Tagen mit der europäischen Misere. Nun sind interessante Gäste in der ARD offenbar ein knappes Gut. Ansonsten ist es wohl nicht zu erklären, warum der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl in die Sendung eingeladen worden ist. Wahrscheinlich wegen seiner dezidierten Überzeugungen - gegen den Rettungsschirm - und seinem Wissen, wie man in Talk Shows zu argumentieren hat. Kurz und knackig.

          Leider ging das schon in seinem ersten Statement daneben. Er verglich das griechische Problem mit einem kleinen Jungen. Wäscht der noch das Auto, wenn er schon vorher seinen Lohn bekommen hat? Leider konnte der kleine Junge keine Antwort geben. Dafür vermittelte der Unternehmer interessante Erkenntnisse über seine Ehefrau, die CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl. Sie wird heute für den Antrag der Bundesregierung stimmen. Sie sei aber eine unabhängige Politikerin, meinte der Ehemann, „mehr oder weniger“. Über das weniger hätte man gerne Auskunft bekommen.

          Nun hatte diese Sendung sicherlich nicht das Ziel, die intellektuellen Grenzen der Kritiker der europäischen Rettungspolitik zu dokumentieren. Wenn doch, suchte man im europäischen Ausland Abhilfe. Der interessanteste Gast des Abends war der Präsident des slowakischen Nationalrats, Richard Sulik. Er ist der Gründer einer rechtsliberalen Partei in der Slowakei und man kann ihn getrost als „neoliberal“ bezeichnen. Er hat sich in den vergangenen Wochen als ein Kritiker dieser europäischen Politik profiliert. Seiner Meinung nach ist sie nichts anderes als „gekaufte Zeit“. Vor allem aber sieht er einen Verstoß gegen die Grundsätze, die die Slowakei bei ihrem Eintritt in die Eurozone vor zwei Jahren selber erfüllen musste, nur jetzt offenkundig keine Rolle mehr spielen. Etwa dass man nicht für die Schulden anderen Eurostaaten aufzukommen hat. Die Slowakei muss als Eurostaat den Beschlüssen zum EFSF noch zustimmen. Sulik lehnt diese Politik ab. Sie kann tatsächlich noch im Oktober in Bratislava scheitern. Es gäbe also gute Gründe, sich mit der Slowakei zu beschäftigen.

          Deutscher Mief

          Nun ist die deutsche Debatte über die Europapolitik vor allem eins: Deutsch. Selbst in den unzähligen Talk Shows zu dem Thema findet man nur selten einen Gast aus dem europäischen Ausland. Diese Debatte findet weitgehend im deutschen Mief statt. Anne Will hat das geändert - und ist doch gescheitert. Denn wenn es gestern eine Erkenntnis gegeben hat: Es interessiert niemanden, wie in anderen europäischen Staaten ein Thema diskutiert wird, das angeblich eines der „europäischen Solidarität“ ist. Ansonsten wäre man etwa auf Suliks Argument eingegangen, warum etwa ein vergleichsweise armer Staat wie die Slowakei für einen Staat wie Griechenland Risiken übernehmen soll. Sulik verwies auf die Durchschnittsrente in der Slowakei von 360 €, im Gegensatz zu den 1.600 € in Griechenland.

          Zwar sind Suliks Zahlen durchaus demagogisch zu nennen: die griechische Durchschnittsrente betrug laut OECD im Jahr 2007 617 €. Aber hindert uns das daran, sich deshalb für die Verhältnisse in der Slowakei zu interessieren? Anne Will schon. Sie brachte diverse Einspieler, etwa über die Sichtweise Mindener Bürger auf ihren Gast Steffen Kampeter, seines Zeichens parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Er wolle Bundeskanzler werden, teilte man uns dort mit. Aber etwas Substantielles über die slowakische Diskussion wurde in der Sendung nicht vermittelt. Sulik wurde lediglich zur Bereicherung der deutschen Debatte eingeladen.

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