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Fernseh-Frühkritik: Anne Will : Tief im deutschen Mief

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Staatssekretär Kampeter ließ uns dann auch wissen, dass die Slowakei ein höheres Haushaltsdefizit habe als Deutschland. Sulik wurde von ihm ideologisch bekämpft. Wobei wohl niemanden mehr aufgefallen ist, dass etwa das Steuermodell der slowakischen „Flat Tax“ vor wenigen Jahren noch im Wahlprogramm der CDU zu finden gewesen ist. Sulik war in der Slowakei einer der Initiatoren gewesen; in Deutschland galt es als Vorbild für eine moderne Steuerpolitik, das Platz fand auf einem Bierdeckel. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man als Staatssekretär seine Erkenntnisse von gestern vergessen kann. Allerdings ist die Selbstgefälligkeit geblieben, vor allem im Umgang mit sogenannten europäischen Partnern.

„Sie werden sich fügen müssen.“

In der Hinsicht wusste auch Klaus von Dohnanyi Interessantes zu berichten. Er riet dem slowakischen Gast nicht nur zum Austritt aus der Eurozone, wenn die Slowakei die erweiterte EFSF nicht ratifizieren sollte. Er fand auch eine passende Formulierung: „Sie werden sich fügen müssen, wenn sie nicht austreten wollen.“ Das hat man in der Deutlichkeit schon Ewigkeiten nicht mehr gehört. Warum sich aber die Slowaken um deutsche Lebensversicherungen sorgen müssen, wusste der ehemalige Hamburger Bürgermeister auch nicht zu erklären. Denn er konnte durchaus mit bedrückenden Szenarien aufwarten. Für ihn ist die private Vermögensbildung in Gefahr. Ökonomen nennen das Kapitaldeckung. Wenn der europäische Rettungsfonds scheitert, sei nichts mehr sicher, so Dohnanyi. Nicht nur die Banken, auch Lebensversicherungen und Pensionsfonds drohten in den Abgrund gerissen zu werden.

Das ist zwar ein gutes Argument. Aber wen interessieren schon Argumente, wenn sie folgenlos bleiben? Am Ende präsentierte uns nämlich Anne Will eine Anlageberatung. Dort wurde unverdrossen über die Vorzüge der privaten Geldanlage räsoniert. Wo kann ich heute investieren? Was bringt die besten Renditen? Ist Gold eine gute Geldanlage? Oder doch besser Aktien? So erfuhren wir von des Staatssekretärs Lebensversicherungen und seinen Kindern als Zukunftsinvestition. Dem breiten Portefeuille des Unternehmers aus Nürnberg. Unglücklicherweise wurde die Deutschland-Korrespondentin von CNBC, Silvia Wadhwa, zum Dienst am Anleger verpflichtet. Sie vermittelte vorher durchaus interessante Einsichten, etwa „dass sich Politiker nicht immer von den Banken ins Bockshorn jagen lassen sollten.“ Das brauchen die Banken aber gar nicht zu befürchten. Offenkundig leben wir in einem ideologischem Vakuum, wo alles möglich ist. Selbst kurz vor dem Zusammenbruch des Kartenhauses „Kapitalmarkt“ wird unverdrossen weiter dieses Kartenhaus als gutes Investment betrachtet. Von der Gesetzlichen Rentenversicherung etwa war nicht die Rede.

Anne Will dokumentierte das Problem dieser Art von Talk Show. Zu viele Gäste reden munter los und alles vermischt sich am Ende zu einem ungenießbaren Brei. Selbst gute Argumente gehen unter, weil sich niemand mehr die Mühe macht, ein Argument tatsächlich zu Ende zu denken. So wäre es gestern durchaus spannend gewesen, etwas über die Slowakei zu erfahren. Auf die Idee ist nur leider niemand gekommen. Existiert Europa? Im deutschen Bewusstsein wohl nicht mehr. Wir interessieren uns nur noch für uns selbst. Trotzdem wird Europa heute im Deutschen Bundestag gerettet werden. Aber wahrscheinlich retten wir uns nur selbst. Insoweit war Anne Will eine lehrreiche Sendung. Wer hätte das gedacht?

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