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Feiertagsfernsehen : Warum gibt es keine Weihnachtsserien mehr?

Bis 1995 zeigte das ZDF jedes Jahr eine eigene Reihe zu Weihnachten. Anna, Silas oder Timm Thaler hießen da die Helden. Plötzlich war es aus, weil die Zuschauer wegblieben. Doch es besteht neue Hoffnung.

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          Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1979 war das Wetter in Hamburg trübe. Es lag kein Schnee, dafür schien die Sonne nicht bei minus ein bis plus zwei Grad. Beste Voraussetzungen, um die Leute in der Hansestadt und im Rest der Republik vor den Fernseher zu locken - auch wenn der Film, den das ZDF am frühen Abend des 25. Dezember 1979 ausstrahlte, offensichtlich in einem sommerlichen Hamburg spielte: Ein Junge im T-Shirt rast auf seinem Skateboard durch die Sonne, prallt gegen eine alte Dame und reißt ihr den Einkaufsbeutel mit Apfelsinen aus der Hand.

          Der Junge mit dem Skateboard war der vierzehn Jahre alte Thomas Ohrner, den damals alle nur Tommi nannten. Bekannt werden sollte er aber unter dem Namen der Rolle, die er fürs ZDF übernommen hatte: Timm Thaler, der Junge der sein Lachen verkauft. Bis zu „Manni der Libero“ 1982 galt: Ohrner gleich Thaler. Und auch wenn das beim ZDF vor 31 Jahren vermutlich noch niemand ahnte, sollte eine zweite Gleichung noch lange Gültigkeit haben: Timm Thaler gleich Weihnachtsserie.

          Denn mit der abenteuerlichen Geschichte um den Jungen, der vom bösen Baron erst um sein Lachen betrogen wird, um es dann wiederzugewinnen, begründete das ZDF einen Brauch, der bis ins Jahr 1995 reichte - und der zur bundesrepublikanischen Weihnacht der Achtziger und frühen Neunziger gehörte wie Kerzen anzünden und Lego-Ritterburgen aufbauen.

          Familienunterhaltung im Wortsinn

          Siebzehn meist sechsteilige Weihnachtsserien produzierte das ZDF von 1979 an und sendete sie jeweils vom ersten Weihnachtsfeiertag bis zu Neujahr. Viele davon haben sich ins Gedächtnis der sogenannten Generationen „Golf“ und „Praktikum“gebrannt: Der Junge „Silas“, der aus einem Wanderzirkus ausbricht, das „Nesthäkchen“, dessen Kindheit am Vorabend des ersten Weltkriegs geschildert wird, „Patrick Pacard“, der von Spionen durch Norwegen und Tunesien gejagt wird, und nicht zuletzt „Anna“, die sich als Ballerina in den Schwanensee tanzt.

          Die Figuren der teils visionären Reihen und ihre Geschichten waren Rollenmodelle für viele Heranwachsende und vereinten sie mit den Eltern vor dem Fernseher. Die Weihnachtsserien waren Familienunterhaltung im Wortsinne. Für die Stunde zwischen 18 und 19 Uhr wurde schon mal das feiertägliche Fernsehverbot gelockert. Doch dann stellte das ZDF die Serien ein. Mangelnde Zuschauernachfrage, veränderte Sehgewohnheiten, zu hohe Produktionskosten lauteten die Argumente.

          „Das waren vier bis sechs Neunzigminüter hintereinander“, erinnert sich der Fernsehspielchef und stellvertretende Programmdirektor des ZDF, Reinhold Elschot, der seit August 2009 im Amt ist. Zuvor hat er lange Jahre selbst als Produzent gewirkt. Ob man so etwas heute noch hinbekäme? Das ist die Frage.

          Rezepte für Weihnachtsgeschichten

          Er trage sich mit dem Gedanken, sagt Elschot. Doch hätten sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer seither radikal verändert. Das zeige der Misserfolg einer Serie wie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf, die unlängst bei der ARD unterging. Auch der Vierteiler „Die Säulen der Erde“, der gerade bei Sat.1 lief, verdeutliche das Risiko. Die Stücke verloren an Zuspruch, wenn auch auf hohem Niveau, von mehr als acht Millionen Zusehern blieben am Ende etwas mehr als sechs Millionen. Die Serie „Kommissarin Lund“ im ZDF wiederum vermochte es, mit einer komplexen Geschichte das Publikum zu halten. „Es ist schwierig mit einem Stoff, der durcherzählt wird“, sagt Elschot. Damals, bis in die neunziger Jahre hinein, habe das Fernsehen eine Alleinstellung innegehabt, heute reüssierten Serien bisweilen erst auf dem DVD-Markt. Doch gehe es auch um das Wesen einer Weihnachtsgeschichte, um einen Stoff, der die richtigen Anmutung habe, eine, die nicht ins Kitschige kippen darf. „Da fehlt etwas, ich vermisse das auch.“

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