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FAZ.NET-Frühkritik : „... und dann geht meine Mutter in den Knast?“

  • -Aktualisiert am

Müde und abgekämpfte Show: Anne Will talkt über Jugendkriminalität Bild: AP

Bei Anne Will wurde geistlos über Kinder-Gangster geredet, bis ein „ehemaliger Jugendstraftäter“ den selbstgefälligen Welt- und Daseinsauslegern einen derart geschickten rhetorischen Hieb verpasste, dass diese bedrohlich ins Schlingern kamen.

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          Dass Talkshows immer auch Castingshows sind, ist nicht neu. Schließlich talkt uns das Fernsehen, zumal das öffentlich-rechtliche, inzwischen gnadenlos das Hirn zu Brei. Selten aber geht aus diesen Runden so klar ein Gewinner hervor wie im Falle von Anne Wills müder, ja abgekämpfter Show zum Thema „Kinder-Gangster“ am gestrigen Abend.

          Die Sendung war inhaltlich mit dem vorausgehenden Polizeiruf verschränkt, wie das die chic gewordene „vertikale Programmierung“ eben vorgibt. Da musste die Gastgeberin - ganz wie kürzlich beim großen Aufregerthema „Versklavte Supermarktkassiererinnen“ - erst einmal Gewährsleute aus dem echten Leben fragen: „Wie realistisch ist das, was wir da gesehen haben?“

          „Einfach zwei Polizisten killen“

          Auch einen Ausschnitt der ja gerade erst zuende gegangenen Sendung brauchte es offenbar: „Na, Opa“ und „Na, Bulle“, sagen die Schurken-Kids da wirklich respektlos. Der Berliner Polizeihauptkommissar Frank Richter bestätigte vom Sofa aus brav die Realitätsnähe. Als Beispiel für die Gewaltzunahme führte er an, dass „vor einiger Zeit“ zwei Jugendliche in Nordrhein-Westfalen zwei Polizeibeamte mit einer „Anscheinwaffe“, einer Attrappe, bedroht haben. Sie konnten überwältigt werden und gaben später zu Protokoll, sie hätten „einfach zwei Polizisten killen“ wollen.

          Damit war also klar: Hier wird nicht über Kavaliersdelikte gesprochen. Um so mehr mag es verwundern, dass ausgerechnet der ebenfalls auf der Gebeutelten-Couch platzierte Duran Yücel, seines Zeichens „ehemaliger Jugendstraftäter“, zum Sieger des Abends wurde. Das hat diesmal nichts damit zu tun, dass die „Gestalt des 'großen' Verbrechers“, wie Walter Benjamin in „Zur Kritik der Gewalt“ schreibt, „die heimliche Bewunderung des Volkes erregt“, sondern liegt an einer ganz anderen Schlagfertigkeit: Einen derart geschickten rhetorischen Hieb verpasste der Dreiundzwanzigjährige den selbstgefälligen Welt- und Daseinsauslegern kurz vor Schluss, dass diese bedrohlich ins Schlingern kamen, weil keine der seit Jahrzehnten abgenagten Standardantworten mehr zu passen schien.

          Trend zu Verlust an Respekt

          Der hessische Innenminister Volker Bouffier rang nach Worten und verfiel vor Schreck aufs Duzen: „Das würdest Du vor dem Vater auch nicht machen.“ Dabei hatte man bis zu diesem Zeitpunkt das „Nichteingehen auf die Sachen“ aufs Vortrefflichste praktiziert. Bouffier zum Beispiel wollte ordentlich differenzieren statt zu pauschalisieren. Dann pauschalisierte er fröhlich drauf los: Es gebe nun einmal „mehr Qualität der Gewalt“, einen „Trend zu einer gewissen Verrohung“ und einen „Trend zu Verlust an Respekt, an Autorität und ähnlichem mehr“. Sein Dauerplädoyer: Man müsse von den Opfern reden, nicht von den Tätern. Mithin saß er in der falschen Sendung, die nun einmal jugendlichen Straftätern gewidmet war.

          Beinahe unzurechnungsfähig wirkte Grünen-Chefin Claudia Roth, die sich bei jeder Antwort vergaloppierte und dann einfach mal „Bildung, Bildung, Bildung“ oder „Hannover“ trompetete. Ein anderes Mal wollte sie sich auf eine Studie berufen, konnte aber den Namen des Erstellers kaum aussprechen: „Kriminal-, äh, Kriminal-, wie heißt es, KF, ja, äh, Kriminallogik, Kriminal-Kriminologisches Forschungsinstitut, so“. Eben weil sie vor lauter Floskeln („Nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren“) zu keiner Pointe fand, musste ihr Anne Will tatsächlich jedes Mal das Wort abschneiden.

          Dann blitzt tatsächlich eine Messerklinge auf

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