https://www.faz.net/-gqz-12ey5

FAZ.NET-Frühkritik : „... und dann geht meine Mutter in den Knast?“

  • -Aktualisiert am

Wenn der Zuschauer sich bei Frau Roths wohl irgendwie mehr Geld für Jugendarbeit forderndem Gestammel überhaupt etwas gefragt haben sollte, dann vermutlich am ehesten, ob sie diesen Blumeneklat auf ihrer Kostümjacke selbst aufgebügelt hat oder ob man so etwas kaufen kann. Im irrsinnigsten der Einspieler war zu erfahren, dass zur Zeit ein Siebenjähriger Berlin in Angst und Schrecken versetzt. Die Mutter soll es „mehrfach nicht geschafft haben, ihren Sohn in die Schule zu schicken“, werden Boulevardzeitungen zitiert. Dann blitzt tatsächlich eine Messerklinge auf im „Problemkiez Wedding“, allerdings in der Hand eines älteren deutschen Herrn: „Wenn ich hier abends losgehe, habe ich das Taschenmesser offen in der Hand“.

Das war dem Sozialpädagogen und „Ausreißer“-Protagonisten Thomas Sonnenburg dann doch der Plattitüden zuviel: Das sei immer noch ein Kind, platzte ihm der Kragen. Zudem habe es sich längst entschuldigt für den Handyraub.

Eine Pflegefamilie, vielleicht ein geschlossenes Heim

Bouffier dagegen wusste anderen Rat: eine Pflegefamilie, vielleicht ein geschlossenes Heim. Schließlich schaffe es „die Mutter, eine Bosnierin“, ja offenbar nicht, den Jungen in die Grundschule zu schicken. Ex-Polizist Murat Topal, der sonst eigentlich gar nichts sagte, befand indes, dass es vielleicht doch ratsamer sei, die Eltern zu unterstützen, statt ihnen gleich das Kind wegzunehmen.

Das war das Stichwort für Kirsten Heisig, für Berlin-Neukölln zuständige Jugendrichterin, die damit wohl auch ihre vorangegangene, mindestens obskure Wortmeldung vergessen machen wollte, in der sie auf die Unverhältnismäßigkeit hingewiesen hatte, dass eine deutsche Ohrfeige und das Zahnausschlagen „mit Migrationshintergrund“ gleichermaßen als gefährliche Körperverletzung gewertet würden. Nun also machte sie sich für das juristische In-die-Pflicht-Nehmen der Eltern von Problemkindern stark. Wer es nicht schafft, seine Kinder in die Schule zu schicken, soll konsequent mit Geldstrafen belegt werden, „ersatzweise sechs Wochen Haft“.

„Geht meine Mutter in den Knast, oder wie?“

Hierin schienen sich die Studiogäste einig zu sein. Das war der Moment des Duran Yücel. Anne Will fragte ihn, ob er die Verantwortungserzwingung für eine wirksame Maßnahme halte. Er bejahte vorsichtig, schloss jedoch die schelmische Rückfrage an: „Wenn ich dann zu Hause aber mit meiner Mutter Streit habe und meiner Mutter eins auswischen will, indem ich nicht zur Schule gehe, dann geht meine Mutter in den Knast - oder wie?“

Es dauerte mehrere Sekunden, bis die Bedeutung dieses Einwands bei allen angekommen war. Frau Heisigs Anscheinwunderwaffe nicht mehr als ein Druckmittel der Kinder gegen ihre Eltern? „Das hätte es früher so nicht gegeben“, konterte Bouffier etwas plump, bevor er konsterniert zweimal die Phrase wiederholte: Denen, die wollen, aber nicht können, sei zu helfen, und auf die, die können, aber nicht wollen, müsse man „deutlich reagieren“.

„Muss ich ihn jeden Tag mit dem Taxi abholen?“

Dann tat der Ex-Jugendkriminelle auch noch die einzige konstruktive Äußerung des Abends: „Man müsste schon das System so machen, dass ich Lust kriege, in die Schule zu gehen“, sagte Yücel leichthin. Bouffier pöbelte erbost, was denn da zu tun sei, damit „so einer“ Lust bekomme: „Muss ich ihn jeden Tag mit dem Taxi abholen?“

„Die Öffentlichkeit“, sagt Heidegger, „verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus“. Diesmal aber blieb es noch eine Sekunde hell, weil Yücel diese Attacke einfach als Frage nahm und beantwortete. Der Unterricht müsse anders gestaltet werden, stärker auf die Fragen der Schüler eingehen. Doch liegt das Problem seiner Meinung nach im deutschen Schulsystem begründet, das manche Schüler früh zu Versagern stempele: „Wir werden eingeteilt“. Hinzunehmen sei das allerdings nicht: „Auch Hauptschüler können es schaffen.“

Weitere Themen

Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

Topmeldungen

Der amerikanische Präsident Joe Biden am 24. Januar im Weißen Haus

Ukraine-Konflikt : Biden droht Putin mit direkten Sanktionen

Die Liste der Sanktionen, die Washington im Falle einer russischen Invasion der Ukraine verhängen will, wird länger. Der US-Präsident hält nun auch direkt gegen Russlands Präsidenten Putin gerichtete Sanktionen für möglich.