https://www.faz.net/-gqz-y2ky

FAZ.NET-Frühkritik: Reinhold Beckmann : Das ewige Bordmikrofon

  • -Aktualisiert am

Nicht immer zum Lächeln aufgelegt: Grube im Januar in Stuttgart Bild: dapd

Eigentlich sollte es bei Reinhold Beckmann im Gespräch mit Bahnchef Rüdiger Grube ganz allgemein um der Deutschen meistdiskutiertes Schienenunternehmen gehen. Doch das Zugunglück in Sachsen-Anhalt zeigte, dass im Detail noch ungeahnter Gesprächsbedarf lauert.

          2 Min.

          Eigentlich hatte Reinhold Beckmann mit Bahn-Chef Rüdiger Grube ganz allgemein über das Unternehmen reden wollen, das Zugunglück in Sachsen-Anhalt mit zehn Toten gab der Sendung zunächst aber eine unerwartet ernste Schlagseite. Hinzugezogen waren Christian Böttger, der im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages als Sachverständiger auftritt, und Karl-Peter Naumann, Vorsitzender der Fahrgast-Lobby Pro Bahn.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie konnte es überhaupt zu dem Zusammenstoß auf eingleisiger Strecke kommen? Grube gab den schwarzen Peter sogleich an Andreas Trillmich weiter, den Regionalleiter der privaten Firma Veolia, zu der einer der Unfallzüge gehört, und der versteinert dreinblickende Trillmich, der sich im Gegensatz zu anderen, ebenfalls angefragten Unternehmenskollegen immerhin zu einem Interview bereit gefunden hatte, sagte auch nur, über die Ursachen wolle er jetzt nicht spekulieren. Die Frage, ob es außer der Bahn überhaupt noch andere „Anbieter“ geben muss, wurde genauso wenig gestellt wie die, ob es dann, im Geflecht verschiedener „Anbieter“, nicht ungünstig ist, dass im Schadensfalle die beteiligten Unternehmen sich die Verantwortung gegenseitig zuschieben. Dass die Bahn als Netzbetreiber aus ihr nicht ganz entlassen werden kann, wollte auch Grube nicht leugnen, der dann aber nicht zu erklären vermochte, wie es sein kann, dass noch nicht alle Strecken mit einer automatischen Zwangsbremse ausgestattet sind.

          Defizite in der „Reisekommunikation“

          Grube gab den verbindlich lächelnden Unternehmer, der oft sagte „der Kunde will“, sich routiniert für gewisse Versäumnisse entschuldigte, diese aber andererseits nicht so recht zugeben wollte, und sich fast gebetsmühlenartig bei seinen Mitarbeitern bedankte, die alle einen „tollen Job“ machten. Wenn dem so sein sollte, dann ist die Frage, wieso es überhaupt Pannen gibt.

          Schnell kam man auf die Dauerbrenner: Die Bahn vernachlässigt unter dem Renditedruck das Kerngeschäft, investiert falsch oder zu wenig (in Ersatzzüge) und hat immer noch Defizite in der „Reisekommunikation“, die sogar Grube zugab. Worin diese bestehen, wurde nicht gesagt. Es wurde auch nicht gefragt, ob es nicht manchmal sogar im Gegenteil so ist, dass die Bahn zu viel kommuniziert, was wiederum dazu führt, dass im Störfall von ihr sofortige Aufklärung über alle erwartet wird, statt dass sich die Leute auch einmal in etwas üben, das man früher Geduld oder Nachsicht nannte.

          Das ist auch so eine von diesen Quasselstrippen

          Statt dessen kamen in Gestalt des weiblichen Fahrgastes Katharina Hagemann und des SZ-Wissenschaftsredakteurs Werner Bartens zwei Geschädigte zu Wort, die von ihren Sommer- beziehungsweise Winter-Erlebnissen berichteten, als kämen sie gerade aus dem Krieg. Man will das aber alles nicht mehr hören: dass die Bahn bei der geringsten Panne nicht sofort durchsagt, woran es liegt und wann es weitergeht und außerdem auch nicht sofort für alle Getränke bereitstellt. Der Hitzekollaps in einigen Zügen im vergangenen Juli mag schlimm gewesen sein; aber das Gerede über die „Servicewüste“ wirkt mittlerweile stumpfsinnig.

          Später kam noch der Zugchef Joachim Hille hinzu, der behauptete, man müsse nur mit den Fahrgästen zu reden wissen, dann verzeihen sie einem alles. Als er dann noch ein Gedicht vorlas, wusste man: Das ist auch so eine von diesen Quasselstrippen, die über jede Gelegenheit, zum Bordmikrofon greifen zu können, froh sind. Dass hier eines der wesentlichen, weil unsere Nerven strapazierenden Probleme der Bahn liegt, konnte sich der zuschauende Bahnfahrer einer Sendung, in der so gut wie kein Standpunkt geäußert wurde, den man nicht irgendwo schon einmal gehört hätte, nur still denken.

          Weitere Themen

          „Motherless Brooklyn“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Motherless Brooklyn“

          „Motherless Brooklyn“, Reg.: Edward Norton. Mit: Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin. Start: 12.12.2019.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.