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FAZ.NET-Frühkritik „Maischberger“ : Einer kommt durch

  • -Aktualisiert am

Wird er eines Tages wirklich Kanzler der „Bildungsrepublik Deutschland”? Bild: dapd

Auch bei „Maischberger“ redet man sich die Köpfe heiß über Guttenberg. „Nassforsch“ war noch eine der freundlicheren Bezeichnungen für den Verteidigungsminister. Und Arnulf Baring empfahl ihm, in sich zu gehen und sich neu zu erfinden - eine Art Guttenberg II.

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          Man beklage sich nicht über die Fernsehquasseleien, denn dies ist ein Fall, der, je mehr darüber geredet wird, desto unglaublicher anmutet. Am Montag hatte die Bundeskanzlerin den Verteidigungsminister ausdrücklich in Schutz genommen, indem sie zwischen wissenschaftlicher Qualifikation und politischer Begabung unterschied. Wie kann das jemand tun, der vor noch nicht sehr langer Zeit ganz gern, aber natürlich absolut folgenlos von der „Bildungsrepublik Deutschland“ gesprochen hat? Was ist all das Gerede über Bildung wert, wenn sich jetzt herausstellt, dass man bei einer getürkten Doktorarbeit eines Verteidigungsministers ein Auge zudrückt und darauf verweist, politisch leiste er hervorragende Arbeit?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Rätsel wurde am Dienstagabend auch bei „Menschen bei Maischberger“ nicht gelöst, aber es lässt sich wohl auch nicht lösen. „Der Schummelbaron: Frechheit siegt“ - der Untertitel der Sendung nahm das Ärgernis schon vorweg: dass Karl-Theodor zu Guttenberg womöglich wirklich damit durchkommt, dass er die Plagiatsvorwürfe gegen seine Dissertation erst für „abstrus“ erklärte, dann sagte, er wolle den Doktortitel ruhen lassen - aber, eigenmächtig, wie er ist, nur vorläufig, als hätte die Universität Bayreuth da überhaupt nichts zu melden -, um schließlich am Montag vollends auf den Dr. zu verzichten, als hätte er immer noch nicht begriffen, dass es die Bayreuther sind, die darüber zu befinden haben.

          Sandra Maischberger war eine gelassene, abwartende Dompteuse in einem Zirkus, in dem sich die Fronten nicht durchweg erwartungsgemäß präsentierten. Dass die Grünen-Kritikerin Jutta Ditfurth als jemand, der schon lange nicht mehr „von Ditfurth“ heißen will, einiges gegen den Baron auf dem Herzen hatte und ihre Kritik an dessen selbstherrlichem Verhalten auch gut zu begründen wusste, überraschte nicht. Dass aber auch der Historiker Arnulf Baring, der keiner Sympathien für die Linken verdächtig ist, mit Guttenberg scharf ins Gericht ging und von einer „ausgemachten Pleite“ des Barons sprach, der in jeder Hinsicht die Promotionsordnung verletzt habe und im übrigen besser daran getan hätte, die Erwartungen an seiner Kanzlerfähigkeit, die ihm ja offensichtlich schon zu Kopfe gestiegen seien, zu dämpfen, statt durch eitles Getue noch zu befördern - das hätte man nicht gedacht.

          Der Kabarettist Werner Schneyder konnte mit seinen zwar ehrenwerten, aber nicht sachdienlichen pazifistischen Statements nicht so richtig punkten - Guttenberg müsse weniger wegen des akademischen Betrugs zurücktreten als vielmehr wegen der neuerlichen drei Toten Soldaten -, während der CSU-Parteifreund Norbert Geis den Widerspruch zwischen seiner Behauptung, das Ganze sei doch bloß eine Schmutzkampagne gegen den Minister, und dessen eindeutigen und nun, mit dem endgültigem Titelverzicht, auch von diesem selbst eingeräumtem wissenschaftlichem Diebstahl nicht aufzulösen vermochte. Wenn der Täter sogar selbst „Fehler“ zugibt (ohne zu sagen, worin diese eigentlich bestehen), kann es sich jedenfalls um keine Kampagne handeln.

          Guttenbergs Biographin Anna von Bayern gab die freche Verteidigerin, die behauptete: „Wir finden's nicht gut, da sind wir uns alle einig“, aber genauso wenig wie Guttenberg selbst sagte, was daran eigentlich nicht gut und mithin ein Fehler sei.

          In der gelegentlich übereifrig werdenden Debatte wusste Ulrike Demmer vom an Guttenbergs Ruhm freilich alles andere als unschuldigen „Spiegel“ auf ihre zurückhaltende Weise neben Baring am meisten zu überzeugen. Guttenbergs skandalöse Selbstbezichtigung vom Montag, er habe mit der Dissertation „Blödsinn“ verzapft, was ihm „von Herzen“ leid tue, sei einfach eine „Verharmlosung“; es stehe die Integrität eines Politikers, der entweder gelogen oder jemanden anderen mit der Abfassung seiner Doktorarbeit beauftragt habe, zur Diskussion, die nicht teilbar sei. Baring sekundierte dann, indem er erzählte, seine Mutter habe in solchen Fällen von „nassforsch“ gesprochen, und empfahl Guttenberg, in sich zu gehen und sich am besten neu zu erfinden - eine Art Guttenberg II.

          Wie dieses Modell aussehen könnte und ob es eines Tages wirklich bis ins Kanzleramt vordringt - diese Frage ließen die Diskutanten offen. Man will im Moment auch gar nicht daran denken, dass es einen „Hochstapler“ (Jutta Ditfurth) noch so weit tragen könnte.

          Alles in allem war es keine schlechte, aber eine erwartbare Sendung, die den Widerspruch zwischen dem von Guttenberg selbst ausgegebenen Werte- und Verhaltenskodex (Anständigkeit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und so weiter) und dieser ja immer unglaublicher werdenden Dissertationsposse freilich auch nicht aufzulösen wusste. Wie auch? Es ist und bleibt ein Rätsel, wie jemand mit so etwas durchzukommen scheint.

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