https://www.faz.net/-gqz-6nsgh

FAZ.NET-Frühkritik: „Harald Schmidt Show“ : Eine der umkämpftesten Talkshows überhaupt

  • -Aktualisiert am

Harald Schmidt ist mit seiner Show zurück im Privatfernsehen Bild: dpa

Voller Akku: Harald Schmidt strotzt im Sat1-Auftakt vor Energie, weshalb er manchen müden Gag locker zu überspielen vermag. Aber nur wer volles Risiko spielt, entkommt der Langeweile.

          4 Min.

          Der Messias ist wieder einmal auferstanden. Ein Messias, wie wir ihn verdienen. Demut jedenfalls ist nicht seins. Mit Großspurigkeit hat er sich schon in den vorausliegenden Tagen nicht eben zurückgehalten. Sie wurde ihm vergeben, weil man wusste, wie schlimm die Alternativen sind. Der alte, neue Heimatsender des besten Fernsehfeuilletonisten tat das Seinige. Es wurden mehr Plakate geklebt als in manchem Wahlkampf, und das Internetportal von Sat1 sah seit Wochen aus, als sei alles andere Beiwerk zu dieser einen Sendung.

          Früh am gestrigen Abend hatte der Sender bereits den Hinweis auf die „Harald Schmidt Show“ als eigenes Logo eingeblendet. Schmidt wiederum unkte in den Werbepausen der vorangehenden Pornokomödie herum. Es war klar: Man wollte den ganz großen Aufschlag. Doch die Heilserwartung, die Harald Schmidt in den Medien tatsächlich entgegengebracht wurde, die oft nur leicht variierte Aussage, er habe ja in den öffentlich-rechtlichen Jahren zuletzt etwas müde gewirkt, aber durch die Rückkehr ins intellektuelle Nirwana könne er durchaus wieder zu jener monolithischen Instanz werden, die er einmal war: der Philosoph in der Tonne, die Königin im Dreck, diese Beschwörung kühner Erhabenheit an unerwarteter Stelle also hat vielleicht mehr mit ARD-Programmdirektor Volker Herres zu tun als mit Schmidt selbst.

          Denn das muss man sagen: So eine Vorarbeit gibt es in hundert Jahren nur einmal. Der Retter verlässt in letzter Sekunde das im Talk-Ozean versinkende Schiff, und dann erschlägt uns die mit peinlicher Penetranz angekündigte „größte Strukturreform des Ersten Deutschen Fernsehens“ mit einer nur brutal zu nennenden Langeweile.

          Das Gespräch mit Hape Kerkeling war leider ein reines Werbegeplänkel

          Jahrhundertfehlstart der ARD; Schmidt dürfte es freuen

          Eine gobiweite Ödnis hat sich breitgemacht in der ARD, fürchterlicher als jede Befürchtung, ein Brummkreiseln um eine leere Mitte aus Gerede und Gewäsch und Geschwätz, ein „Freakshow-Desaster“ (wie das nicht eben als zotig verschrieene „Handelsblatt“ schrieb) nach dem anderen, debil und humorlos, weder nutzend noch erfreuend, ein nur noch der Bedröhnung dienendes Dröhnen der Diskurse aus den mechanisch schnatternden Mäulern all der Stoibers, Lauterbachs, Scholl-Latours, Hintzes, Sidos und anderer Dauermitfahrer auf dem nun noch geschwinder sich drehenden Laberbacken-Karussell - schließlich werden inzwischen knapp dreißig Gäste pro Woche verheizt -, nicht zuletzt eine sich in dieser Einladungspolitik und solchem Diskussionsstil ausdrückende Verachtung für Themen, die uns eigentlich etwas angehen dürften. Dieser Jahrhundertfehlstart dürfte Harald Schmidt in den letzten Tagen beste Laune beschert und Flügel verliehen haben.

          Nun also: Auftritt des Narren. Und in der Tat, das Entrée hatte Bums und Biss, vor allem die zehn Minuten bis zur ersten Werbepause, die so etwas waren wie der offizielle Kommentar zur ARD-Talk-Offensive. Ziemlich lustig bereits kündigt die Off-Stimme den Late Night Gastgeber als „Lebensretter von Elke Heidenreich“ an, was Bezug nimmt auf die krude Anekdote Heidenreichs bei Günther Jauch, sie wäre ohne einen geplanten Auftritt in Schmidts Show am 11. September 2001 vielleicht in New York und vielleicht ja sogar am World Trade Center gewesen.

          Schmidt mimt den Jauch

          Mit salbungsvollem Jauch-Tonfall beginnt Schmidt die Show im Jauch-O-Ton und in der Jauch-Perspektive (am Studiorand neben einem Bildschirm): „Dieses Bild“ - statt der stürzenden Türme sehen wir Jauch in der Kuppel - „hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingegraben. Denn seit dem 11. September 2011 ist in der Talkshowrepublik Deutschland nichts mehr wie es einmal war.“ Es folgt der Schwenk zur „Dust Lady des deutschen Talkshowbetriebs“, Anne Will, die sich nun des verstaubten Mittwochs annimmt: „Wir haben sie in New York besucht,“ - Pause - „aber sie war nicht da. Deshalb werde ich bekannt einfühlsam und nachdenklich gleich darüber sprechen, mit mir selbst.“

          Weitere Themen

          Vom Ende der Wende

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Vom Ende der Wende

          Der Spielfilm „Wendezeit“ liefert den Einstieg zum Thema „Spione im Kalten Krieg". Sandra Maischbergers Gäste geben einen Einblick in die Trivialität nachrichtendienstlicher Arbeit – die heutige Lage beurteilen sie jedoch ganz unterschiedlich.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : EU setzt Großbritannien Frist bis Mitternacht

          London hat Brüssel in den Brexit-Verhandlungen neue Vorschläge für die irische Grenze gemacht. Doch die seien nicht ausreichend, soll EU-Chefunterhändler Barnier den Außenministern der verbleibenden 27 EU-Staaten gesagt haben.
          Chef-Ökonomin Gita Gopinath in Washington.

          IWF-Prognose : Langsamstes Weltwirtschaftswachstum seit der Finanzkrise

          Der Handelskonflikt zwischen Amerika und politische Krisen belasten die Weltwirtschaft: Der Internationale Währungsfonds senkt seine Prognose zum vierten Mal in Folge. Amerika bleibt ein kleiner Lichtblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.