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FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann : Die RAF schaut mit

  • -Aktualisiert am

Beckmann und Julia Albrecht, Schwester der früheren RAF-Terroristin Susanne Albrecht, am Montagabend in der ARD Bild: dpa

Frischer als jede Sondersendung: Bei Beckmann ging es nicht um die RAF im engeren Sinne, sondern um die Schneisen der Verwüstung, die ihre Taten im Leben der Hinterbliebenen zurück ließen.

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          Die Veteranen der Roten Armee Fraktion werden sich wieder zum Fernsehen getroffen haben, gestern Abend. Im Vorfeld des Stuttgarter Verfahrens gegen Verena Becker kam heraus, dass die begnadigten oder regulär entlassenen RAFler wichtige Fernsehsendungen gemeinsam ansehen, sogar Reisen unternehmen, um in der Gruppe zu kommentieren, was gesagt wurde über die Zeit ihrer Jugend, in der sie Staatsfeind Nummer Eins, Zwei und so weiter waren.

          Die gestrige Beckmann-Sendung war insofern ein Pflichttermin, konzentrierte sie sich doch auf das Jahr, in dem die Sache am höchsten stand und kippte, 1977 und auf die Familien ihrer berühmtesten Opfer. Für manchen Ehemaligen dürfte es ein Schock zur späten Stunde gewesen sein, ähneln doch die heute erwachsenen Kinder von Ponto, Schleyer und Buback so sehr ihren von der RAF ermordeten Vätern - auch in der Überzeugungskraft vor der Kamera.

          Die Täter sind bekannt

          Aber es ging bei Beckmann nicht um die RAF im engeren Sinn, mehr um die Schneisen der Verwüstung, die ihre Taten im Leben der Hinterbliebenen zurück ließen. Damit waren auch die Angehörigen der Terroristen gemeint: Anlass der schon vor einigen Wochen aufgezeichneten Sendung war das Buch „Patentöchter“, in dem Corinna Ponto und Julia Albrecht ihre Korrespondenz veröffentlicht haben. Das Schicksal beider Frauen ist durch die Tat einer abwesenden Dritten verbunden: Es war Julias Schwester Susanne, die der RAF den Einlass zum Haus ihres Nennonkels Jürgen Ponto verschaffte, wo sie den damaligen Chef der Dresdner Bank erst entführen wollten, dann aber erschossen.

          Dass es sich bei den beiden anderen Tätern um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar handelte, wissen wir, weil die Tat eine Augenzeugin hatte: Corinna Pontos Mutter hat alles mit angesehen. Klar und Mohnhaupt sind in Freiheit, sie hätten es gestern sehen können. Verstanden hätten sie wohl nicht allzu viel von der Beziehung zwischen Julia Albrecht und Corinna Ponto, von der jahrzehntelangen Arbeit, die Souveränität über das durch den Terror fragmentierte Leben wieder zu erlangen, zu der im letzten Schritt auch die Fähigkeit gehört, sich mit anderen zu verständigen. Sowohl die Schwester von Susanne Albrecht als auch Corinna Ponto analysieren mit ebenso berührenden wie überzeugenden Worten die Gewalt, die nach der Gewalt kommt, die nämlich aus einem souverän gelebten Leben ein Schicksal macht und man plötzlich singuläre, neue Rollen aufgezwungen bekommt: Opfertochter, Terrorschwester.

          In ihrer Intensität und Klarheit können Corinna Ponto und Julia Albrecht durchaus ein Vorbild sein für andere, die sich vom Schicksal entmündigt sehen, auch ohne derart in die Geschichte zu geraten. Andererseits bleibt ihre Erfahrung ebenso einzigartig wie die Worte, die sie darüber finden. Es geht in ihrem Verhältnis nicht um einen naiven oder gar kitschigen Täter-Opfer Ausgleich: Beide sind Opfer der RAF, die sich in mühsamer Arbeit die Kraft, ihr Leben selbst zu deuten, wieder erworben haben.

          Frischer als aktuelle Sondersendungen

          Dass diese ebenso brisante wie bewegende Sendung wochenlang nicht gesendet wurde, ist ein Zeichen unserer Zeit. Es war ja immer was, in diesen Monaten, vom Zerfall des japanischen Kernkraftwerks bis zu dem von Guido Westerwelle.

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