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FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann : Die RAF schaut mit

  • -Aktualisiert am

Und doch wirkt so eine Sendung, die tief an die Wurzeln unseres bundesdeutschen Selbstverständnisses rührt, auf jeden Fall frischer als jede sogenannte aktuelle Sondersendung. Denn der Terror, der Krieg gegen ihn, ist längst Teil unserer politischen Identität. Der Mord an ihrem Vater, so referiert Corinna Ponto die gut gemeinte Äußerung eines Politikers ihr gegenüber, sei „der Beginn von Leibwächtern“ in Deutschland gewesen. Ponto hatte so etwas nicht, die Familie lebte abgerüstet und ohne Schutz - wobei bei einem als Besuch der Freundestochter verkleideten Attentat auch ein Leibwächter keine Chance hat. Heute geht kaum ein Landesminister ohne Personenschutz zur Toilette. Mit dem Terror, den Warnungen vor ihm, lassen sich die verrücktesten Gesetze machen, werden Weihnachtsmärkte zu Festungen und der Hindukusch wird unsere Außengrenze.

Der Terror wirft, wie der passende Titel der Beckmannsendung lautete, immer noch einen Schatten über die Republik. Michael Buback griff das Bild auf und fragte den Regisseur Andres Veiel, ob es denn denkbar sei, dass die so sehr von Beziehungsproblemen geplagten deutschen Linksterroristen,diese kleine Gruppe, ganz allein so einen Schatten werfen können. Er griff Gedanken auf, die Corinna Pontos Mutter schon unmittelbar 1977 hatte, dass nämlich die Taten System hatten und ein System dahinterstand, nämlich die DDR und die Sowjetunion. Wenn man den Aufmarsch der ehemaligen RAFler im Stuttgarter Verfahren gegen Verena Becker beobachtet, scheint es in der Tat unglaubwürdig, dass jene traurigen Gestalten allein handelten.

Von My Lai bis zur RAF

Das Schweigen der Täter - Jörg Schleyer setzte es in eine Kontinuität schweigender Killer von der NS-Zeit über My Lai bis zur RAF - ist bedrückend und erwartbar. Ihm steht aber auch das Schweigen der Behörden gegenüber: Die bundesdeutschen Geheimdienste, insbesondere die Verfassungsschützer der Länder behalten ihre zahlreichen Kenntnisse über die Grauzonen ihrer Zusammenarbeit mit Terroristen für sich. Die Bundeskanzlerin hat des öfteren schon Hilfe bei der Aufklärung dieses für unsere politische Identität so wichtigen Komplexes versprochen, getan hat sie nichts. Die juristische Aufarbeitung hat versagt - die künstlerische, urteilte Corinna Ponto knapp, ebenso. Nun fordern die Kinder der 1977 ermordeten Männer eine unabhängige Historikerkommission, um den Komplex aufzuarbeiten. Doch sie müsste mit echter politischer und juristischer Macht versehen sein, angesichts der wilden Widerstände, die beispielsweise der Bundesinnenminister gegen eine Freigabe der Akte regelmäßig entwickelt.

Es wird aber so etwas geben. Es ist ein Thema, das heutige Politiker oder Journalisten manchmal nervt, das sie gern verschieben. Aber wer auch immer damit zutun hat,merkt sofort, wie präsent es noch bei den Bürgern ist, gerade auch in der süddeutschen Provinz, in der der Terror so oft zugeschlagen hat und aus der so viele Täter kamen. Unzählige Hinweise hat Michael Buback aus Karlsruhe und Umgebung bekommen, noch Jahrzehnte nach dem ungeklärten Mord an seinem Vater, dem Generalbundesanwalt stellen sich Menschen als Zeugen zur Verfügung. Die Bürger, die Angehörigen, die Zeitzeugen sind längst dabei, den Sommer 77 zu verarbeiten, doch ihre Mittel sind beschränkt.

Die von Hartz Vier lebenden Killer haben sich im Schweigen eingemauert, es ist ihre letzte Möglichkeit, Macht auszuüben. Der Staat müsste nun voran gehen, und seine Rolle in der damaligen Zeit offenbaren: die Kontakte des Verfassungsschutz, die Kooperation mit den westlichen, aber auch mit den östlichen Diensten, die Verbindungen in den Nahen Osten und die Abhörmaßnahmen. Er tut es nicht, weder im Bund noch in den Ländern, weder der Bundestagspräsident noch die Kanzlerin, keiner der sonst von keinem Mikro fernzuhaltenden Politprofis ergreift irgendeine Initiative zur Aufklärung der Geschichte der frühen Bundesrepublik.Was hält sie ab?

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