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FAZ.NET-Frühkritik Anne Will : Zeitverschwendung durch nettes Meinen

Anne Will und das Thema: Bin Ladens Liquidierung - darf man sich darüber freuen? Bild: dpa

Reden über den Tod von Bin Ladin: War es Absicht, ihn zu töten? Welche Rolle spielte er im Terrornetz? Nur mit einer Frage waren die Gäste von Anne Will schnell durch: Ob man sich über die Tötung des Massenmörders so freuen darf wie die Kanzlerin.

          Mit der Frage, ob man sich soll freuen dürfen über die Tötung des Massenmörders Bin Ladin, war die Runde bei Anne Will erfreulich schnell durch. Das „Ich freue mich“ der Kanzlerin, meinte der diensthabende Allzuständige Richard Precht, sei eben ihre Standardformulierung, für sinkende Arbeitslosenzahlen, Halbfinals und so weiter, weswegen es ihr auch diesmal leicht über die Lippen ging als es völlig unpassend war (siehe „Freude“ über Bin Ladins Tod: Merkel reagiert auf Kritik). Über Geschmacklosigkeit lässt sich nicht streiten.

          Hingegen bei völligem Unwissen schon und zwar gerade aufgrund völligen Unwissens. War es von vornherein die Absicht, Bin Ladin zu töten? Wir wissen es nicht. Spielte er im Terrornetzwerk noch eine operativ entscheidende Rolle? Wir wissen es nicht. Nicht einmal, ob seine Gefangennahme moralisch und im Sinne des Rechtsstaats erfreuliche Folgen gehabt hätte, wissen wir. So wenig wie wir die Zahl der Erpressungsversuche kennen, die ihr gefolgt wären. Aber auch die Gegenposition beruht auf reinem Dafürhalten. Handelt es sich um einen Krieg? Wenn das zutrifft, inwiefern war Bin Ladin dann rechtens liquidierbar, wenn er nicht zur Waffe griff? John Kornblum, der ehemalige US-Botschafter, hatte völkerrechtlich keine Bedenken, der Völkerrechtler Tomuschat, der eingespielt wurde, schon. Der Historiker Michael Wolffsohn wiederum wusste, ohne Namen zu nennen, von Völkerrechtlern, die es anders sähen, die aber nicht eingespielt worden seien. Ulrich Kienzle, einst Reporter, fand, wie mehrfach, so auch hier, man müsse die Dinge pragmatisch sehen: Bei Pakistan anfragen, ob man sich den Terroristen greifen dürfe, hätte wohl zu nichts geführt. Soll man also nur handeln, wenn man es rechtlich einwandfrei tun kann, oder kannte Not hier kein Gebot? Und welche Not ist jetzt beseitigt? Siehe oben.

          Der Gedanke, einen Völkerrechtler der Linie Tomuschat und einen, der die amerikanische Position vertritt, verständliche Argumente austauschen zu lassen, oder jemanden einzuladen, der die mindeste Ahnung von Al Qaida hat, liegt Sendungen wie diesen fern. Der Bruder eines Opfers der Anschläge vom 11. September 2001 vermutete ungleiche Einkommensverteilungen und Mangel an Bildung als Ursache des Terrorismus. Michael Wolffsohn hielt dem den Bildungsstand der Terroristen entgegen, um kurz darauf die nordafrikanischen Demokratiebewegungen auf Bildungsschichten zurückzuführen. Ja, so kann man es sehen oder auch umgekehrt. Im Grunde könnte man also fast jeden nehmen, um die genannten Fragen zu diskutieren, weil fast jeder nichts weiß. Man kann das dann die Stunde des staatsbürgerlichen Räsonnements nennen. Oder Zeitverschwendung durch nettes Meinen. Immerhin waren diesmal weder Dieter Wedel noch Hans Olaf Henkel dabei.

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