https://www.faz.net/-gqz-y6mv

FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Wollt ihr Mubarak oder lieber die Muslimbrüder?

Zu Gast bei Anne Will: Der Politologe Hamed Abdel-Samad Bild: picture alliance / dpa

Bei Anne Will ging es um die Revolution oder Krise in Ägypten. Die Debatte war außergewöhnlich, vor allem wegen eines Mannes, der den Deutschen die Angst vor einem Umbruch in der arabischen Welt nehmen will.

          3 Min.

          Als regelmäßiger Zuschauer des hiesigen Talkshowreigens wird man bescheiden. Irgendwann empfindet man schon eine Runde ohne die üblichst Verdächtigen, die hundertfach Wiederholtes aufsagen, als Offenbarung. Beim Thema der Revolution in Ägypten fielen einem zum Beispiel Peter Scholl-Latour und Michel Friedman ein, die Altbekanntes perpetuieren könnten, nach dem Motto: Es ist schon immer so gewesen . . .

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Anne Will war am Sonntagabend nicht alles wie immer, sondern es war, anders als die Titelfrage „Tote in Kairo - endet die ägyptische Revolution im Chaos?“ vermuten ließ, eine ganz und gar unaufgeregte, aber deshalb umso aufregendere Debatte. Und das lag vor allem an dem Politologen Hamed Abdel-Samad. Er war für die Sendung eigens eingeflogen, aus Kairo, wo er in den letzten Tagen weilte, nicht um „Teil der deutschen Talkshowindustrie“ zu werden, sondern um für die Freiheitsbewegung in seinem Heimatland zu werben und denen entgegen zu treten, die angesichts des Geschehens auf dem Tharir-Platz in Kairo eher an die Risiken, denn die Chancen und ganz zuletzt an das denken, was der SPD-Grande Egon Bahr als entscheidende Größe anführte - das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes.

          Ist der Feind meines Feindes wirklich mein bester Freund?

          Hamed Abdel-Samads Reise zu Anne Will nach Berlin darf man als ebenso erfolgreich wie notwendig betrachten, denn sein Blick auf die Dinge bricht die hierzulande gängigen Vorteile auf. Die Gleichung der westlichen Außenpolitik muss nämlich nicht wie seit ehedem lauten: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und sie muss auch keine zwischen zwei Übeln sein: Mubarak oder die Muslimbrüder, der Despot oder die Fundamentalisten. Es kann auch der erste Schritt auf einem neuen arabischen Weg (von einem dritten Weg wollen wir jetzt einmal nicht sprechen), sein, der den Westen in jedem Fall herausfordert, auch wenn am Ende nicht religiös motivierte Regimes an die Stelle der jetzigen Machthaber treten. Ein Umdenken ist erforderlich, dass es sich um eine historische Umbruchsituation handelt, dürfte sich inzwischen bis zum Letzten herumgesprochen haben.

          Erstaunlich forsch argumentierte der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog. Er tat so, als sei Realpolitik, die Regimes zunächst nimmt, wie sie sind, pures Teufelswerk. Das westliche Dogma der Stabilität gehe auf Kosten der Menschenrechte, sagte er. Wohl war, doch fragte ihn Anne Will zu Recht, ob er denn in seiner aktiven Zeit den Despoten im Nahen Osten, mit denen er zu tun hatte, vors Schienbein getreten habe.

          Egon Bahr sagt: Die Kanzlerin hat Recht!

          Hat er selbstverständlich nicht, würde Egon Bahr an dieser Stelle sagen, der sich klug dagegen wendete, die Maßgaben diplomatischer Realpolitik gering zu schätzen und in die Pose moralischen Absolutismus zu verfallen. Die Bundeskanzlerin habe Recht, zu Geduld und einem geregelten Übergang in Ägypten zu raten, sagte Bahr. Geduld, meinte Hamad Abdel-Samad, hätten die Ägypter, schließlich hätten sie dreißig Jahre lang Mubarak ertragen. Doch hätten sie auch gerne die prinzipielle Unterstützung des Westens - und Israels - und an der mangele es, Europa, Israel und die Vereinigten Staaten seien dabei, eine historische Chance zu verspielen.

          Die Politikberaterin Melody Sucharewicz hatte es einigermaßen schwer, an dieser Stelle den Standpunkt der israelischen Regierung plausibel zu machen. Mit den Menschen auf dem Tharir-Platz zu fühlen und den Sieg der Freiheit zu wünschen, dabei aber kein Signal auszusenden, Mubarak müsse gehen, das passt nicht ganz zueinander. Für den ehemaligen Staatssekretär Chrobog ergibt sich dieser Tage, wenn wir ihn richtig verstanden haben, sogar die Hoffnung, den Nahost-Konflikt vollständig zu entschärfen - wenn Israel jetzt die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern aufnimmt.

          Man musste sich in dieser Debatte bei Anne Will nicht auf die Seite des einen oder anderen schlagen, sondern nur zuhören. Dann bekam man ausreichend Hinweise auf das, was dieser Tage auf dem Spiel steht. Eine außenpolitische Debatte dieses Formats haben wir im deutschen Fernsehen, das sich wie die Presse und noch mehr die Onlinemedien am Kleinklein innenpolitischer Nabelschau ergötzen kann bis zum Umfallen, selten. Um die Freiheit der Ägypter gehe es, um das Selbstbewusstsein der Generation Facebook, die ganz selbstverständlich auf Demokratie setze und nicht auf einen Gottesstaat, sagte Hamed Abdel-Samad. Freiheit, Selbstbestimmung, wir sind das Volk - das müsste den Deutschen doch eigentlich etwas sagen.

          Weitere Themen

          Meisterin der (un)sinnigen Gedanken

          Surrealismus mit Sophie Calle : Meisterin der (un)sinnigen Gedanken

          Nicht nur in den Geschichten selbst entfaltet die französische Künstlerin Sophie Calle ein Verwirrspiel der besonderen Art, auch der Zyklus ihrer kleinen surrealistischen Geschichte sprengt alle Synapsen des Alltäglichen.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet während des Triells

          Das letzte Triell : Dieses Mal war Scholz vorbereitet

          Baerbock, Scholz und Laschet hatten nochmals die Chance, ihre Schlagfertigkeit zu zeigen. Der Sozialdemokrat und die Grüne präsentierten sich als Partner von morgen.
          Wähler in St. Petersburg betrachten ihre Wahlzettel.

          Parlamentswahl in Russland : Kremlpartei dominiert weiterhin die Duma

          Wladimir Putin stand nicht zur Wahl, doch wenn Anhänger der Partei Geeintes Russland ihren Wahlsieg feiern, rufen sie seinen Namen. Auch im neuen Parlament geben sie den Ton an. Kein Wunder, sagen Kritiker – Gegner waren meist ausgeschlossen, und es habe massiven Wahlbetrug gegeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.