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FAZ.NET-Fernsehkritik: „Wetten dass..?“ : Die Legende lebt - und atmet schwer

  • -Aktualisiert am

Legenden unter sich: Thomas Gottschalk mit Gene Simmons und Paul Stanley von Kiss am Samstagabend in Erfurt Bild: Reuters

Sie war keine Glanzleistung, diese „Wetten dass..?“-Sendung aus Erfurt, aber jeder hat mal einen schlechten Tag, auch Thomas Gottschalk. Es ist halt nur ungeschickt, wenn der ausgerechnet im Fernsehen übertragen wird.

          Fünfzehnhundert Kiss-Fans hätten es werden sollen. Fünfzehnhundert Leutze, die sich am Samstagabend Schminke ins Gesicht schmieren, die Plateauschuhe aus dem Keller kramen und dann auf den Erfurter Messevorplatz kommen, um dort mit Taschenlampen das größte Kiss-Logo der Welt nachzustellen, dessen Buchstaben in Übergröße auf dem Asphalt abgeklebt waren. Der Sender hatte extra eine Krankamera aufgebaut, um dieses Bild in die Millionen Haushalte schicken zu können. Nachher wollte sich die Band, deren Mitglieder alle langsam auf die Sechzig zugehen (oder diese Marke schon überschritten haben), dort auch noch persönlich blicken lassen.

          Am Ende aber ist es so richtig schiefgegangen: Ein großes K und ein I schafften die gekommenen Fans noch auszuleuchten, das erste S war bereits ziemlich dünn besetzt, das zweite blieb leer. Und Thomas Gottschalk hatte seine Stadtwette verloren.

          Das war dann doch eine Überraschung: Eine der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten tritt in einer der erfolgreichsten Shows Europas auf, und dann kommen nicht mal die von Gottschalk verlangten 1500 Zuschauer zur Halle, um ihr maskiertes Gesicht für ein paar Sekunden ins Fernsehen zu halten? Obwohl die Stadtwette schon am Donnerstag angekündigt wurde? „So viele alte Menschen gibt es in Erfurt gar nicht“, hatte Gottschalks Co-Moderatorin Michelle Hunziker vorher gescherzt. Und Gottschalk hielt dagegen: „Die Legende lebt.“ Mag sein. Aber sie atmet schwer. Ein bisschen wie „Wetten dass..?“

          Michelle Hunziker und Sophia Loren

          Traubenzucker und öder Pop

          7,8 Millionen sahen am Samstagabend die neueste Ausgabe der ZDF-Show. Und ohne zu quotenfixiert sein zu wollen: Das ist eine ziemliche Niederlage. Nicht nur, weil die einst unangreifbare Sendung damit noch weiter an „Deutschland sucht den Superstar“ herangerückt ist, das bei RTL 5,29 Millionen Zuschauer ab 3 Jahren sehen wollten. (Bei den Zuschauern im Alter von 14 bis 49 Jahren hatte „DSDS“ sogar eine Million mehr.) Sondern auch, weil selbst das ältere Publikum im Zweifel lieber Olympia schaut (zwischen 4 und 7 Millionen Olympia-Fans verfolgten den vorletzten Tag der Winterspiele im Ersten), wenn Gottschalk bloß eine Show mit mittelmäßigen Wetten und unspektakulären Gästen abliefert.

          Genau das ist am Samstagabend passiert. Kevin Costner war da, weil er jetzt nicht nur schauspielert, sondern auch öde Popnummern singt. Vorher bedankte er sich beim Saalpublikum: „Vielen Dank, dass Sie immer in meine Filme gegangen sind.“ Sophia Loren saß zeitweise mit versteinertem Gesicht auf dem Sofa und hätte die Halle vermutlich frühzeitig verlassen, wäre Hunziker nicht als betreuende Simultanübersetzerin an ihrer Seite gewesen. Und Inka Bause, die schon als Moderatorin und „Schauspielerin“ im „Traumschiff“ schwer zu ertragen ist, als Gast aber eine Herausforderung, hatte sich Traubenzucker mitgebracht, um die Drei-Stunden-Sendung zu überstehen.

          Einer der wenigen Gags an diesem Abend

          Lediglich Matthias Schweighöfer und Wladimir Klitschko brachten ein bisschen gute Laune mit. Als Ausgleich für die aktionsarmen Wetten, die die Redaktion diesmal herausgesucht hatte, reichte das jedoch nicht. Ein Mädchen erkennt Star-Wars-Figuren am Lutschen. Zwei Männer bohrten nach Augenmaß von unterschiedlichen Seiten das gleiche Loch in ein Brett. Zwei Arbeitskollegen erkannten OP-Werkzeuge am Klang ihres Bodenaufpralls. Sicher, das kann man machen. Besonders toll anzusehen war das aber alles nicht - mit Ausnahme des Wettkönigs vielleicht, der während einer Balanceübung auf einem Seil Luftballons zum Platzen brachte, und zwar mit dem Hintern.

          Nicht mal die Außenwette war begeisterungsgeeignet: Zwei Kandidaten wetteten, auf nebeneinander herfahrenden Tiefladern mit ihren darauf stehenden Baggern die Ladeflächen zu wechseln - bei 60 Kilometer in der Stunde. Klingt toll, war bestimmt eine heikle Angelegenheit, aber nach wenigen Sekunden wieder vorbei und von der Kamera so miserabel eingefangen, dass man als Zuschauer kaum etwas davon sah. Die Kandidaten brachten kaum ein Wort heraus, der Jubel über die gewonnene Wette war nachher verhalten. „Ich bin der einzige, der gleichzeitig redet und baggert“, scherzte Gottschalk dazu. Aber das blieb einer der wenigen Gags an diesem Abend.

          Bitte das Kriegsbeil mit der Gegenwart begraben

          Sie war keine Glanzleistung, diese Sendung aus Erfurt, aber jeder hat mal einen schlechten Tag. Es ist halt nur ungeschickt, wenn der ausgerechnet im Fernsehen übertragen wird. Einen Absturz auf unter 8 Millionen Zuschauer hat Gottschalk so kurz vor seinem 60. Geburtstag im Mai aber wohl niemand gewünscht, zumal „DSDS“ im Gegenprogramm dieses Jahr endgültig zur in die Länge gezogenen Seifenoper verkommen ist und sich deshalb kaum als Alternative loben lässt.

          Kann sein, dass es schon helfen würde, wenn Gottschalk sich beim nächsten Mal anstrengt, sein Kriegsbeil mit der Gegenwart zu begraben und nicht in jeder Sendung auf „die guten alten Zeiten“ zu verweisen, in der Rockbands noch echte Rockbands waren, es diesen ganzen Internetquatsch noch nicht gab und Baggerwetten die Leute völlig ausflippen ließen. Der Mann wird sechzig - nicht neunzig. Und mit ein bisschen mehr Schwung bald bestimmt auch wieder Quotenkönig.

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