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FAZ.NET-Fernsehkritik : Mittel her fürs Mittelmeer!

  • -Aktualisiert am

Wer zahlt die Rechnung der Griechen? Bild: REUTERS

Tja, was costas? Bei Anne Will hatten sie keine Lust, einen Ouzo auf die deutsch-griechische Freundschaft zu trinken. Erstaunlich, wie unbeirrt der Staatssekretär aus dem Finanzministerium für ein milliardenschweres Hilfsprogramm warb, als könne dies per Knopfdruck im Home-Banking erledigt werden.

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          Steffen Kampeter kann das gut: Die Beine fest auf dem Boden, die Hände im Schoß gefaltet - so sitzt der Christdemokrat, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, an diesem Abend im Rund von Anne Will, die zum Thema „Griechenland ist pleite - jetzt zahlen wir“ geladen hat. Und alles, aber auch alles an Bedenken und Kritik prallt an ihm ab, als habe sich das Finanzministerium rechtzeitig zum großen Griechenland-Abenteuer einer frischen Oberflächenveredelung unterzogen.

          Die Worte von Walter Wüllenweber zum Beispiel. Halb Griechenland brachte der „Stern“-Journalist mit einem offenen Brief auf die Barrikaden, in dem er die Griechen an „eine Tante“ erinnerte, „die einem die ganze Kindheit und Jugend hindurch das Sparschwein füttert“ und schrieb: „Streng genommen seid Ihr pleite.“ Jetzt sitzt Wüllenweber im Fernsehen, die Anne-Will-Redaktion hat einen Kurzfilm über das griechische Gesamtkunstwerk mit Sirtaki-Elementen verziert, Wüllenweber sagt: „Die eigentliche Währung in der EU ist nicht der Euro, sondern das Vertrauen, und das ist futsch, auch das Vertrauen in die deutsche Regierungen der letzten Jahre.“

          Und Kampeter? Wirbt so unbeirrt weiter für ein milliardenschweres Hilfsprogramm, als könne dies zur gegebenen Zeit per Knopfdruck im Home-Banking erledigt werden. Was das Vertrauen in die griechische Staatskunst anbelangt, lässt er sich nur zu einem einzigen Satz hinreißen: „Das Vertrauen ist ausbaufähig“. Ansonsten steht die Parole fest: „Griechenland ist nicht pleite, sondern bedient seine Schulden.“

          Erst recht die Worte Arnulf Barings dringen zu Kampeter kaum durch. Zu Barings einprogrammierten Empörungsgestus mag man stehen, wie man will. Eine Außenseitermeinung freilich vertritt er kaum, wenn er die Bundesregierung an die ganze Reihe südeuropäischer „Weichwährungsländer“ (plus Irland) erinnert, die es in naher Zukunft zum Möchtegern-Adressat neuer Rettungspakete bringen könnten. „Griechenland muss raus“, sagt Baring also. Er meint einen freiwilligen Ausstieg aus der Währungsunion. Er sei zudem außerordentlich besorgt um Deutschland, das D-Mark-Land von einst. Baring sagt Deutschland bei fortgesetztem Kurs gar „griechische Verhältnisse“, politische Instabilität und Europa den Kollaps voraus.

          Kampeter aber streicht sich auch dies vom Anzug wie einen lästigen Flusen, ebenso die per Film eingespielte Schelte Pinkwarts. Er will ruhig bleiben, nur von harten Verhandlungen und harten Eurokursen reden. Das Argumentieren überlässt er anderen. Hendrik Enderlein etwa, ein dynamischer Hauptstadt-Professor, der vor den Markteffekten bei unterlassener Griechenland-Hilfe warnt. Dem deutsch-griechischen Journalisten Michalis Pantelouris (der Vater leitet das Pressebüro der griechischen Botschaft). Und Renate Künast, einer grünen Sozialarbeiterin, deren finanzpolitische Empfehlungen offenbar aus dem Pädagogikhandbuch entwickelt weden: Kinder, sagt sie, brauchten nun einmal Stukturen, nicht Hausarrest und Strafen.

          Ob sie diesen Satz auch heute, beim parteiübergreifenden Griechenland-Treffen im Finanzministerium, noch einmal wiederholt? Vielleicht sogar den Hinweis darauf, auch Deutschland habe seinen Haushalt trickreich geschönt, so dass man Griechenland nun nicht wirklich zürnen dürfe? Oder den Gedanken, auch Griechenlands Gläubiger, die Banken und Versicherungen, müssten ihren Teil zur Bewältigung der Krise beitragen? Wir wissen es nicht. Wir denken eigentlich nur an die Bild-Schlagzeile, die simple Frage: Was Costas?

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