https://www.faz.net/-gqz-13ugl

FAZ.NET-Fernsehkritik : Ein unterentwickeltes Angebot

  • -Aktualisiert am

Bei RTL entfalten Westerwelle, Künast und Gysi keinerlei Strahlkraft Bild: dpa

Große Dinge stehen bevor. Das konnte man am Sonntagabend bei RTL lernen. Leider nicht während der Wahlsendung, sondern im Werbeblock. Das „Townhall-Meeting“ - diesmal mit den dreien von der Opposition - ist in der Hand der Fernsehprofis absolut steril geworden.

          Große Dinge stehen unmittelbar bevor. Wer noch keines führt, soll jetzt ein Tagebuch beginnen um den Nachgeborenen sagen zu können, wie es war, denn wir stehen an der Epochenwende.

          Das habe ich Sonntag Abend bei RTL gelernt, leider nicht während der Wahlsendung, sondern im Werbeblock: Große Veränderungen fangen ganz klein an! Zeit für Veränderung! Und ein zu Herzen gehender Film versprach für die Zeit nach dem 27.September „smarte Städte-“ Was das wohl sein mag? Sicher toll. Ja und dann der alle Bürger einigende, gemeinsame Aufruf von RTL und MCDonalds, die ja sagen zur Bundestagswahl.

          Wer sich ein Herz und Sinn für Geschichte bewahrt hat, der konnte nur den Entschluss fassen am kommenden Sonntag diese beiden Marken, sowie die Telekom, dann Renault und IBM zu wählen. Zwischen den Werbeblöcken wurde es kleinteiliger. Sicher, unterhaltsam sind die drei von der Opposition und es war schon ein Kunststück, wie Gysi es vermocht hat, sich das Schlusswort zu sichern: Mit dem Kennerbick dessen, der jeden zweiten Abend im Fernsehen verbringt hat er - die verstreichenden Sendesekunden fest im Blick- zuletzt eine Pointe platziert, auf die er sich bestimmt schon den ganzen Nachmittag gefreut hatte: Nach dem Moderatorenschlusswort von Peter Kloeppel konnte er noch sagen, es sei doch „nicht ganz so langweilig gewesen wie mit Merkel und Steinmeier.“ Was wiederum alle so sehr amüsierte, dass keiner mehr etwas sagte und die letzten Sekunden der Sendung in allseitigem Lächeln verstrichen.

          War davor noch was?

          War davor noch was? Nicht viel. Das Townhall-Meeting ist in der Hand der Fernsehprofis zu etwas noch Sterilerem geworden als die amtliche Befragung von Kandidaten durch Journalisten. Komisch war der Auftritt des Spiegel-Journalisten Matthias Matussek, der vor einer Art Riesenzeitung und mit dunklen Augenringen Botschaften über die drei geladenen Politiker aufsagte, als sei er die Geisel einer dunklen Macht. Er interessiert sich überhaupt nicht für Politik und tritt auch nie ohne seine Goethe Handpuppe auf, irgendetwas stimmt da nicht. Ich frage mich, wo sie ihn festhalten?

          Die anderen Fragen waren weit weniger spannend. Es war viel zu formatiert: Die ausgewählten Wähler, die nicht nur sich selbst, sondern auch einen die Bürger beschäftigenden Themenkomplex repräsentieren und von denen die erste Wählerin zufällig blond und attraktiv war; die Moderatoren, die die zahmen Fragen zur Sicherheit noch abholen und vermitteln, die dann „wegen der Zeit“ auf ein Minimum reduzierten Antworten - das wirkte so natürlich wie eine Begegnung Marie-Antoinettes mit handverlesenen Bäuerinnen in ihrem Hobbygarten.

          Den ohnehin schon überforderten Zuschauern und „Menschen“ sollte nichts zugemutet werden, wer weiß wie sie reagieren? Da wurden schön Steuergeschenke versprochen, Wachstum angekündigt, und alles in möglich einfachen Worten, als müsste man die Deutschen schonen, als verstünden sie den Ernst der Lage nicht. So wirkte die gesamte Sendung verdächtig unverbindlich.

          Das liegt vielleicht am Studioprinzip. Auch wenn die Halle, in der Politiker auf Publikum vor Kameras treffen mal kein Studio ist, soll es doch so aussehen. Nie kommt jemand mal herein oder geht früher, nie passiert etwas Unerwartetes. Dabei war das ja ursprünglich der Reiz eines Townhall-Meetings, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen kann. So aber hat sich das Format über die Sendung gelegt und ließ es nicht mehr los. Und die drei Politiker passten sich flott an, mitsamt ihrer Themen.

          Renate Künast hätte schon etwas dringender über den Fortschritt der Erderwärmung reden können, der ja schon im Studio zu beobachten war: Wenn Westerwelle sich plötzlich der Forderung nach mehr erneuerbaren Energien anschliesst, muss es wirklich schlimm stehen. Aber das Oppositionstrio verlor sich in Harmlosigkeiten. Sie wirken ja ganz humorvoll und sympathisch, man ist ihnen nicht böse, wenn ihnen der Faden verloren gegangen scheint.

          Grundregeln des Dialogs

          Guido Westerwelle ist so ein Fall: In allen Sendungen redet er darüber, wie er redet. Ob man ihn ausreden lässt, warum man ihn nicht ausreden lässt, wie so ein Dialog zu sein hat. Dieses Mal belehrte er eine Erstwählerin über die Grundregeln des Dialogs, und das läuft immer darauf hinaus dass er, Westerwelle uns ausführlich darlegt, warum man ihn, Guido Westerwelle, einmal ausführlich zu Wort kommen lassen möge. So wird er zu einer in sich abgeschlossenen Botschaft: Westerwelle erklärt die Bedingung der Möglichkeit einer Westerwelleschen Erklärung. So kommt er mit den unglaublichsten Dingern durch. Konzeptionell ist er auf dem Stand von Ronald Reagan vor dreißig Jahren, es ist ein so altbekanntes Mantra dass kaum jemand mehr hinzuhören scheint. Seine Darstellung der DDR-Blockparteien als Hort des Widerstands ist grotesk unterkomplex. Und dann ist da seine Qualifikation einer schwarz-gelben Koalition als „bürgerlich.“ Sind die anderen keine Bürger? Meint er den Staatsbürger, den Stadtbürger, den Bourgeois oder den Citoyen?

          Aber an Guido arbeitet sich niemand ab, sicher aus Furcht, dass er wieder anfängt uns „einmal darzulegen“, wie so eine Diskussion abzulaufen habe und erneut darüber redet, wie er noch mehr reden könnte. So erklärt sich der Umfrageerfolg trotz des unterentwickelten politischen Angebots seiner Partei. Es ist Mitleid und Enerviertheit: Guido W. geistert nun schon so lange durch Sendungen dieser Art dass man ihn erlösen möchte, irgend ein staatliches Amt könnte dieser Mann in den besten Jahren doch auch mal innehaben, wenn er es schon so dringend möchte.

          Nach der Sendung wollte man noch mehr Werbung sehen, denn Firmen wollen wenigstens etwas vom Zuschauer - und sei es Geld. Gysi, Künast und Westerwelle wollen ausreden, dabei unterhalten und nett rüberkommen, hübsch bescheiden. Drei Kandidaten für weitere vier Jahre Opposition.

          Weitere Themen

          Modernes Leben

          TV-Kritik: Maischberger : Modernes Leben

          In Sandra Maischbergers erster Sendung nach der Sommerpause geht es um drängende Fragen unserer Zeit. Nicht jede Debatte erweist sich als zielführend. Ausnahme: Das Gespräch mit Joachim Gauck.

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.