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FAZ.NET-Fernsehkritik : Der Mann, der früher eine Frau war

  • -Aktualisiert am

So gleich, so unterschiedlich: Kerner (l.) und Jauch Bild: dpa

Dass RTL und ZDF ihren vermeintlichen Jahresrückblick mit kindergartenhaftem Trotz gleichzeitig ausstrahlten, macht den Vergleich geradezu zwingend. Die Betonung des Boulevardesken war nicht mal das Problem. Sondern noch einmal darüber zu reden.

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          Es ist nur ein Gerücht, dass ZDF und RTL am Sonntagabend Jahresrückblicke ausgestrahlt haben. Im ZDF lief eine XXL-Version der Talkshow „Johannes B. Kerner“, RTL zeigte eine Art „Stern TV Ultra“. Deshalb ist es auch müßig, den Sendern vorzuwerfen, das Jahr vorzeitig zu bilanzieren. Die Beliebigkeit dieser Shows ist so groß, dass sie zu jeder Jahreszeit laufen könnten, es hat sich halt eingebürgert, sie zufällig im Dezember auszustrahlen.

          Man würde aufgrund dieser Sendungen nicht ahnen, dass 2008 das Jahr war, auf das man in der Zukunft als den Beginn einer globalen Finanzkrise ungeahnten Ausmaßes zurückblicken würde. Und das Jahr, in dem die Welt gebannt den amerikanischen Vorwahlkampf wie eine Seifenoper verfolgte, und hingerissen war von der Hoffnung, die ein schwarzer Kandidat verbreitete, der nachher auch noch Präsident wurde. Schließlich war es - zumindest für RTL - auch das Jahr, in dem eine Frau eine Gabel verschluckte, ein Mann an einer Jahrmarktattraktion vorübergehend in eine gefährliche Situation geriet und die Mutter der Sängerin Sarah Connor mit 50 Jahren noch Zwillinge bekam.

          Die Anlässe für die Gespräche vergessen

          Dabei war die Betonung des Boulevardesken, des Menschelnden gar nicht das Problem. Die steckt ja schon in den Titeln: „Menschen 2008“ (ZDF) und „2008! Menschen, Bilder, Emotionen“ (RTL). Das Problem war, nicht noch einmal die Ereignisse zu zeigen, die uns in den ersten elf Monaten dieses Jahres bewegt haben. Sondern noch einmal darüber zu reden.

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          Dabei ist zum Beispiel über Olympia und die Fußball-EM in der Erinnerung schon so viel geredet worden, dass man sich an die eigentlichen Anlässe für die Gespräche kaum noch erinnern kann. Trotzdem müssen die beteiligten Sportler nun erneut erzählen, wie das damals war, wie sie sich gefühlt haben, ob sie mit dem Sieg oder der Niederlage gerechnet haben, wie es ihnen damit ergangen ist. Gewichtheber Matthias Steiner jedenfalls hat das in diesem Jahr schon gefühlte hundert Mal machen müssen - und jetzt eben noch einmal im ZDF erzählt, wie er sich dazu entschied, bei der Olympia-Siegerehrung das Bild seiner verstorbenen Frau in die Kameras zu halten. „Ich hab's ja bei der Europameisterschaft schon genau so gemacht - da hat's nur keiner gesehen“, sagt Steiner. Dazu fiel dann auch Kerner nichts mehr ein.

          Der kurze Ausschnitt von Britta Steffen, wie sie nach dem Sieg der Gold-Medaille vor der Fernsehkamera fassungslos heult und heult und grüßt und heult, weckte in wenigen Sekunden genau die Emotionen, die das lange und unüberraschende Gespräch mit Jauch bei RTL nicht wachrief. Routiniert und kaum interessiert las Jauch auch die Fragen für die übrigen Gäste von seinen Kärtchen ab. Spaß machte nur die Formel-1-Entdeckung Sebastian Vettel, der mit seinem Rennwagen beim Reinfahren so dicht an den ersten Reihen vorbeischrammte, dass die Leute „wie beim Staubsaugen zuhause die Füße hochgenommen haben“, und beim Rausfahren nochmal extra Krach machte, dass es dem Studiopublikum sichtlich die Gehirnwindungen neu sortierte. Auf Jauchs Frage, warum seine Freundin nicht bei den Rennen dabei sei, erwiderte er mit großer Natürlichkeit: „Das ist ja mein Büro, und wer nimmt schon seine Freundin mit ins Büro?“

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