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FAZ.NET-Fernsehkritik Anne Will : Sich verhalten wie sonst und immer

In der Sendung von Anne Will ging es um Anschläge islamistischer Terroristen Bild: ddp

Dies ist nicht die Stunde der Schwätzer. Das zeigt die Talkshow von Anne Will zum islamistischen Terror - und Innenminister de Maiziere unterstreicht es. Eine Fernsehstunde ohne Gedröhn, in der ein notwendiger Mentalitätswandel zur Sprache kam.

          3 Min.

          Es ist schon komisch, wie hoch man im Elfenbeinturm steigen kann. Als die „Zeit“ vor einiger Zeit den Bundesinnenminister Thomas de Maiziere einer Stilkritik unterzog und meinte, er rede eher wie ein Redakteur oder abwägender Leitartikler, nicht aber wie Mann der Politik, markierte dies einen Gipfel des journalistischen Manierismus. Und grundfalsch war es auch. Denn dieser Innenminister sagt nie ein Wort zu viel und nie eines zu früh.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auch so erklärt sich die leichte Hysterie, die sich nach seiner dezidierten und konkreten Warnung vor Anschlägen islamistischer Terroristen über das Land legt. Hätte Thomas de Maiziere so oft und ausdauernd vor dem Terror gewarnt wie seine Kollegen in anderen westlichen Ländern, würde ihm nun nicht dermaßen viel Gehör zuteil. Die Lage ist ernst, so ernst wie noch nie, lautet seine Botschaft, und, dass es keinen Grund zur Panik gebe. Ob dem Reichtags ein Angriff droht? Dazu gibt der Innenminister keinen Kommentar ab, richtigerweise.

          Widersprochen wurde ihm in der Sendung von Anne Will am Sonntagabend nicht. Das lag daran, dass die Redaktion die richtigen Gesprächspartner eingeladen hatte. Die Richtigen, dass heißt also nicht Jürgen Trittin und Hans-Christian Ströbele. Man hat zwar den Eindruck, dass im Augenblick keine Talkshow von ARD oder ZDF ohne einen Spitzengrünen auskommt, egal worum es geht (auch bei Sarrazin musste Beckmann unbedingt Renate Künast dabei haben), aber mit den beiden Verharmlosern vom Dienst hätte es nur fürchterlich und unangemessen krawallig werden können - vielleicht nimmt sich im Laufe der Woche ja Frank Plasberg der Konstellation an.

          „Spiegel”-Chefredakteur Georg Mascolo sagte es unverblümt: Den Jüngern von Usama Bin Laden geht es um „die Weichteile” der freien Gesellschaft - um Hotels, um Märkte, um Kindergärten
          „Spiegel”-Chefredakteur Georg Mascolo sagte es unverblümt: Den Jüngern von Usama Bin Laden geht es um „die Weichteile” der freien Gesellschaft - um Hotels, um Märkte, um Kindergärten :

          Es kommt auf jeden an

          Bei Anne Will saßen stattdessen der „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo, der ein ausgewiesener Terrorismus-Experte ist, er hat die Recherchen seines Magazins zu diesem Themenkreis lange führend mitbestimmt; der amerikanische Journalist Don Jordan, der FDP-Politiker und ehemalige Innenminister Gerhart Baum und die Politik-Beraterin Melody Sucharewicz, die aus Deutschland stammt und in Tel Aviv lebt. Sie berichtete, wie es ist, unter einer ständigen Bedrohung durch den Terrorismus zu leben. Und genau das ist der Gedanke, an den sich dieses Land erst gewöhnen, der durchdringen muss: die Bedrohung durch Al Qaida und Konsorten ist real und beständig, sie wurde in unseren Breiten nur jahrelang verdrängt, begünstigt durch den ebenso glücklichen wie zufälligen Umstand, dass ein Attentat wie in New York, London oder Madrid den islamistischen Terroristen in Deutschland bislang nicht geglückt ist.

          „Es kommt sehr viel auf jeden einzelnen an“, sagte Melody Sucharewicz, will heißen: Auf das Problembewusstsein eines jeden einzelnen, auf den wachen Blick, der etwas anderes als Panik ist aber auch als die hierzulande bis dato gepflegte Sorglosigkeit. Das Beispiel mit der Plastiktüte, die vor der Bordtür des Flugzeugs stand, das Don Jordan am Flughafen Köln-Bonn bestieg, und unbeachtet blieb, mag den einen oder anderen amüsieren. Doch es ist nicht amüsant, sondern zeigt, woran es fehlt, zumal in diesem speziellen Fall ausgerechnet der Pilot der Maschine die Tüte stehen ließ, wie Jordan erzählte.

          Soll ich auf den Weihnachtsmarkt gehen?

          Dem Innenminister Thomas de Maiziere fällt zu einer solchen Begebenheit wie zu den Fragen, die Anne Will von besorgten Bürgern zuspielen ließ - soll ich auf den Weihnachtsmarkt gehen, soll ich mit dem Zug fahren, bin ich auf dem Land sicherer als in der großen Stadt - das einzig Richtige ein. Er deutet so konkret wie eben möglich an, wie es um die Gefahr steht, sagt aber ein um das andere Mal, es gelte „sich zu verhalten, wie sonst und immer auch“. Verhielte man sich anders, hätten die Terroristen schon gewonnen, deren Ziel nicht allein darin besteht, die Bundeswehr und alle andere westlichen Soldaten aus Afghanistan zu vertreiben, sondern freiheitlich-demokratisch verfasste Gemeinwesen zu zerstören.

          Der „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo sagte es (etwas ungelenk) unverblümt: Den Jüngern von Usama Bin Laden geht es um „die Weichteile“ der freien Gesellschaft, um den Terror gegen Unschuldige, gegen Unbewaffnete, gegen Schutzlose, um Hotels, um Märkte, um Kindergärten.

          Dass Gerhard Baum sich dennoch berufen fühlte, gegen die Vorratsdatenspeicherung zu argumentieren, die er und andere vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall gebracht haben, mag man ihm durchgehen lassen. Doch ist es an seiner Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Gesetzeslücke zu heilen. Niemand, der bei Verstand ist, wird bestreiten, dass die Sicherheitsorgane den Datenverkehr Verdächtiger anzapfen können müssen - was ihnen im Augenblick nur unzureichend möglich ist. Dies zu ändern ist die dringlichste und vornehmste Aufgabe der Justizministerin. Wenn sie ihren Job ernst nimmt, sollte sie darum wissen.

          Der Konsens der Demokraten

          Der Innenminister Thomas de Maiziere wiederum will das im Augenblick nicht in den Mittelpunkt stellen, sondern, wie er sagt, den Konsens der Demokraten so breit wie möglich halten. Auch darin wird widerspricht ihm niemand, zumindest an diesem Abend, der sehr angemessen und unaufgeregt einen notwendigen Mentalitätswandel antippte. Es gilt, die Gefahr nicht zu verdrängen und sich ihrer grundsätzlichen Gegebenheit bewusst zu sein. Es gilt, wachsam zu sein, ohne in Panik zu verfallen. Es gilt, „sich zu verhalten wie sonst und immer auch“.

          Daraus mag jeder, der in Großstädten U-Bahn fährt oder auf den Weihnachtsmarkt gehen will, eigene Schlüsse ziehen. Die Herren Trittin und Ströbele jedenfalls können sich ja demnächst wieder äußern , wenn es um Gorleben, Stuttgart 21, die Kennzeichnung von Zusatzstoffen in Lebensmitteln oder das Tempolimit auf Autobahnen geht.

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