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Erfolgsserie „Downton Abbey“ : Das Schloss als geistiges Zuhause einer Nation

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Wo in „The King's Speech“ die englische Sprache in ihrer ganzen Eleganz, Vieldeutigkeit und jegliche Unterschiede der Herkunft transzendierenden Ironie zum heimlichen Star des Films avanciert, lebt „Downton Abbey“ von den auch sprachlich noch sehr getrennten Welten - und davon, dass die Dienerschaft zwar die Geheimnisse ihrer Herrschaft viel genauer zu kennen meint als umgekehrt. Es gehört zum Erfolgsrezept der Serie, dass hier niemand vorgeführt wird, der Adel so wenig wie das Personal. Stattdessen wird ein präzise funktionierendes Räderwerk gezeigt, in dem sich die einen die Verantwortung für die anderen, die in ihren Diensten beschäftigt sind, nie leicht machen. Selbstverständlich kommt der Herzog für die Augenoperation der Köchin auf, als diese ihre Arbeit nicht mehr verrichten kann. Und als Bates angeschwärzt wird, lassen der Herr und sein Butler sich mehr von ihrer Einschätzung seines Charakters leiten als von den Fakten, die gegen den Kammerdiener zu sprechen scheinen. Niemand wird hier leichtfertig vor die Tür gesetzt, und die Zofe O'Brien wird wohl noch dafür büßen müssen, die Solidarität ihrer Herrin je angezweifelt zu haben. Es liegt etwas ungemein Tröstliches in dieser Welt, in der Anstand und Charakter mehr zählen als Wille und Ehrgeiz - außer in der immer heiklen Frage, wen man heiratet und wofür.

Die Jüngste kämpft fürs Frauenwahlrecht

Julian Fellowes setzt in seinem niemals geschwätzigen, sich auf angenehm knappe Unterhaltungen beschränkenden Drehbuch klug darauf, dass die ungeschriebenen Gesetze der Epoche und ihre Werte sich mindestens so sehr in der Fassade des Hauses und im Verhalten der einzelnen Personen spiegeln wie in dem, was sie zueinander sagen. Wie anspruchsvoll es ist, eine komplexe historische und politische Lage für ein Publikum aufzubereiten, das längst nicht mehr jede Anspielung und Komplikation versteht, zeigt parallel zu „Downton Abbey“ die opulente dreiteilige Weiterführung der BBC von „Upstairs, Downstairs“ ins Jahr 1936.

Der frische Eindruck von „Downton Abbey“ verdankt sich auch den Schauspieler, mit wenigen Ausnahmen solche, deren Züge Fernsehzuschauern noch nicht übermäßig vertraut sind. Namhaftes Zugpferd der Serie ist Hugh Bonneville, der Würde und Anstand des Robert Crawley, Earl of Grantham, glaubwürdig verkörpert. Elizabeth McGovern ist großartig als seine amerikanische Frau Cora, die er um ihres Vermögens willen geheiratet, in die er sich aber dann ihres Charakters wegen verliebt hat. Das Paar hat drei Töchter in heiratsfähigem Alter: die hübsche, kapriziöse Mary (Michelle Dockery), die sich stets zurückgesetzt fühlende Edith (Laura Carmichael) und Sybil (Jessica Brown-Findlay), die warmherzige Jüngste, die sich vehement dafür einsetzt, dass ihre Kammerzofe Sekretärin werden kann und die politischen Ideen des Tages aufsaugt. Zum Missfallen ihrer Großmutter, der gebieterischen Dowager Duchess, gehört dazu auch die Einführung des Wahlrechts für Frauen.

„Wie kann man nur so selbstsüchtig sein!“

Maggie Smith thront als exaltierte Violet Crawley über allen, wobei die zahlreichen Rollen dieser Art, die sie bereits gespielt hat, ob als Lady Bracknell in „Ernst sein ist alles“ oder als Professor McGonagall in „Harry Potter“, sich in dieser leicht überzeichneten Figur herrlich vereinen. Sie hat denn auch die meisten Lacher zu bieten, etwa wenn sie sich anlässlich der Kündigung ihrer Zofe entrüstet: „Sie verlässt mich, um zu heiraten. Also wirklich, wie kann man nur so selbstsüchtig sein!“

Nicht nur selbstsüchtig, sondern regelrecht dumm wäre es, wenn der britische Sender ITV, der fünfzehn Millionen Pfund in die Serie gut investiert hat, sie angesichts der Begeisterungsstürme nicht weiterführen würde. Die Dreharbeiten zur achtteiligen zweiten Staffel, die im Herbst ausgestrahlt werden soll, haben in diesen Tagen auf Highclere begonnen; Verhandlungen über eine dritte und vierte Season sollen bereits weit gediehen sein.

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