https://www.faz.net/-gqz-z77b

„Ein einfacheres Leben“ im Ersten : Ein Dasein ohne Handy ist möglich

  • -Aktualisiert am

Peter Hoffmann (Ulrich Noethen) hat es satt, als Investmentbanker gehetzt zu werden. Mit Kind und Kegel zieht er sich in die schwedische Einöde zurück Bild: NDR/Jonas Jörneberg

Für den Vater ein Glück, für die Kinder ein Albtraum: Die Familie verschlägt es aus Hamburg in die schwedischen Wälder, weil Ulrich Noethen sich als Investmentbanker verzockt hat. Immerhin gehört das gemietete Holzhaus einer schönen Frau.

          2 Min.

          Das Leben ist ungerecht. Und da die ARD zum Leben gehört, muss wohl auch sie es sein. Da liegen gute Filme wie „Ein einfacheres Leben“ drei Jahre auf Halde, während eine 2010 produzierte Schmonzette nach der nächsten läuft. Vielleicht soll es aber auch eine schöne Nostalgiestimmung beim Zuschauer auslösen, das schon 2008 vollendete Werke heute zu sehen und sich leicht angegruselt an die Zeiten zu erinnern, da die Finanzkrise jung und die wegen Betrugs entlassene NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze noch im Dienst war. Ihr Name leuchtet im Vorspann noch einmal auf wie ein Stern, der längst zerfallen ist, wenn sein Licht die Erde erreicht, und dass man auf solche Ideen kommt bei einem Mittwochsfernsehfilm, liegt an Ulrich Noethen und seinem Weg ins „einfachere Leben“.

          Da das Leben aber nicht nur ungerecht, sondern nie einfach ist, weiß man gleich: Sein Weg ist weit. Noethen startet als Peter Hoffmann auch noch am von einem einfachen Leben entferntesten Punkt, der Existenz als Investmentbanker nämlich. Dass der nicht in Frankfurt lebt, wo sonst hundert Prozent aller Fernsehbanker ihr trauriges Dasein hinter tausend Glasscheiben fristen, mag zwar auch daran liegen, dass der NDR für den Film verantwortlich zeichnet; es ist aber abgesehen davon auch einer von vielen Schritten abseits ausgetretener Klischeepfade.

          Hoffmann also lebt in Hamburg, er hat zwei pubertierende Kinder, seine Frau ist tot und er eigentlich auch, spätestens als sich herausstellt, dass er sich mit dem wichtigsten Fonds der Bank ordentlich verzockt hat. Ein guter Anlass, um sich aus der Glas-Stahl-Smalltalk-Hölle zu befreien. Zumal wenn man einen besten Freund hat, der einem einen Koffer Geld rüberschiebt und zum Abtauchen rät. Hoffmann tut, wie ihm geraten, packt seine Kinder ins Auto und wirft, ein erster Akt der Befreiung, alle Handys aus dem Fenster. Wer nun aber befürchtet, es ginge so weiter mit der einfachen Entsorgung des komplizierten Großstadtlebens, liegt falsch.

          Obwohl sie ein Handy hat: Peter (Ulrich Noethen) findet seine Vermieterin Helena (Lisa Nilsson) super

          Davon träumt jeder „Landlust“-Leser

          Es folgt eine schöne Reihe von Szenen, die den Traum vom abendsonnenlichtdurchfluteten Landleben entzaubern. Bis zum Schluss des Films, der in dieser Hinsicht grandios misslungen ist und allzu kitschig daherkommt, wahren die Autoren Josephine Broman und Daniel Karlsson und auch der Regisseur Marcus Olsson den Abstand zum Simplen.

          Und das, obwohl es in den schwedischen Wald geht. Davon träumt wohl jeder „Landlust“-Leser - bloß die Kinder von Hoffmann nicht. Die Tochter (Isabel Bongard) kommt aus dem Verächtlich-die-Augen-Verdrehen gar nicht mehr raus angesichts der scheinbar hinterwäldlerischen Nachbarn, und der Sohn (Robin Becker) ist die Sache spätestens dann leid, als er seine Joints im See versenken muss und nicht an neue kommt. Klar ist aber auch, dass die Dorfjugend gar nicht so üble Waldraves feiert, an denen die Geschwister dann doch gar nicht so ungern teilnehmen, und der Vater findet die Vermieterin seines Holzhauses (Lisa Nilsson) super. Obwohl sie ein Handy hat. Die emotionale Annäherung von Mann und Kindern, die in den vergangenen Jahren aneinander vorbeigelebt haben, dauert erstaunlich lange. Das macht auch den Reiz des Films aus, denn Noethen spielt den Suchenden und Versuchenden hervorragend. Was er am Ende findet, sei nicht verraten - aber dass der Film nicht „Ein einfaches Leben“ heißt, was auch zu platt wäre, weist in die richtige Richtung.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

          Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

          Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

          Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

          Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.
          Allgemeinmediziner betreuen die „teuersten“ Patienten.

          Profitstreben in Kliniken : Das fatale Sterben „der Inneren“

          Hauptsache lukrativ: Immer mehr Kliniken schließen ihre Allgemein-internistischen Stationen zugunsten von Spezialisten. Leidtragende sind multimorbide Patienten – ausgerechnet deren Zahl aber wächst weiter. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.