https://www.faz.net/-gqz-6pzu3

„DSK“ präsentiert sich : Ein „moralischer Fehler“

Hier inszeniert Dominique Strauss-Kahn persönlich: der Politiker beim Interview in der Tf1-Nachrichtensendung Bild: AFP

Dominique Strauss-Kahn gab dem französischen Fernsehsender Tf1 ein bizarres Interview. Hier bestimmte er die Dramaturgie der medialen Inszenierung. Beim Zuschauer bleibt ein ungutes Gefühl.

          Sie können es nicht lassen. Tf1 eröffnete seine Nachrichtensendung am Sonntagabend mit dem rätselhaften Verschwinden zweier Mädchen, die glücklicherweise wiederaufgetaucht waren. Thema Nummer zwei: Oslo - neue Bilder zum Massenmord. Dann kamen die Probleme der Gemüseproduzenten und schließlich ein Feuer in einer Wohltätigkeitsinstitution. Am liebsten hätte man abgeschaltet. Doch als um zehn nach acht das Interview des Jahres endlich begann, sahen 14,8 Millionen Franzosen zu - Rekord seit 2005, als die Vorstädte brannten. Dreizehn Millionen Zuschauer blieben bis zum Ende ein paar Minuten nach halb neun vor dem Bildschirm.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Und danach mit unguten Gefühlen zurück: ratlos, angeekelt, frustriert. Aber was hatten sie erwartet? Sicher nicht die Wahrheit. Einer Umfrage zufolge rechneten sie damit, dass Dominique Strauss-Kahn seine Version erzählt und seinen Abschied von der Politik bekanntgibt. Er sagte nur, dass er tatsächlich Präsident werden wollte - eine offizielle Bestätigung seiner Kandidatur hatte es zuvor nie gegeben.

          Keinerlei Zwang, keine Gewalt, keine Aggression, keine Bezahlung der Frau habe er sich zuschulden kommen lassen. Aber einen „moralischen Fehler“ begangen, seiner Frau und den Franzosen gegenüber. Dieses Eingeständnis war der emotionale Höhepunkt der Sendung. Sie lieferte den Zeitungen die Schlagzeilen am Tag danach und dem Psychiater Serge Hefez das entscheidende Argument zur Entschlüsselung der Inszenierung: „Welcher Fehler? Jeder weiß, dass DSK ein notorischer Schürzenjäger ist. In seiner Ehe mit Anne Sinclair, die über seine Affären informiert ist, ist das Fremdgehen kein Fehler.“ Es wäre, sagt Hefez, mutiger und ehrlicher gewesen, zu seinem Verhalten zu stehen: „Die Franzosen sind keine Amerikaner, sie hätten das verstanden.“ Hefez bezeichnet den Auftritt als „Pflichtübung zur Reue, an die niemand glaubt“.

          Eine an Korruption grenzende Kungelei

          Zumindest hat sich Strauss-Kahn nicht entschuldigt. Dick aufgetragen hat er. Ob er in eine Falle geraten sei? „Das ist möglich.“ Ob es sich gar um ein Komplott handelte? „Man wird sehen.“ Dass er sich ausgerechnet von Claire Chazal, einer Freundin seiner Frau Anne Sinclair, und auf Tf1, dem früheren Arbeitgeber seiner Frau, interviewen ließ, trug auch nicht zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Nichts gelernt: Die an Korruption grenzende Kungelei einer ewig straffreien und solidarischen Elite ist eine der Unsitten, welche die Affäre bewusstmachte.

          Claire Chazal hat die richtigen Fragen gestellt, aber nie nachgehakt. Strauss-Kahn durfte auf der Unglaubwürdigkeit seiner Anklägerin herumreiten. Aber dass seine Version zur Klage der Schriftstellerin Tristane Banon ebenfalls erstaunlichen Veränderungen unterliegt, hätte die Interviewerin schon einwenden können. Strauss-Kahn war auf alles vorbereitet, er bestimmte die Dramaturgie der Inszenierung. Tagelang muss er mit seinem mehrköpfigen Kommunikationsteam den Verlauf geprobt haben. Kein einziger Satz schien einer spontanen Regung oder Überlegung zu entspringen. Am Schluss durfte er dann auch noch zu einer Lektion über die Euro- und Schuldenkrise ausholen. Sie war so dürftig und überflüssig wie der Rest.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Am Ende fällt die Eintracht auseinander

          Achtbarer Auftritt, bitteres Resultat: Frankfurt erspielt sich beim Start in die Europa League Torchancen in Hülle und Fülle, muss sich aber dem FC Arsenal geschlagen geben. In der nächsten Partie wird ein wichtiger Spieler fehlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.