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Dreharbeiten im DDR-Frauengefängnis Hoheneck : Es könnte Inge Naumanns Geschichte sein

Über zwanzig Jahre später blickt Carola Weber von außen in ihre alte Zelle: Anja Kling in „Hoheneck war gestern” Bild: Studio Hamburg Filmproduktion

Im DDR-Frauengefängnis Hoheneck wurden politische Gefangene entwürdigt und ausgebeutet. In einem Fernsehfilm, den das Erste dort gerade dreht, trifft eine von ihnen Jahrzehnte nach der Haft zufällig ihren Peiniger von einst. Stefan Locke hat am Set eine ehemalige Insassin getroffen.

          Wie die Vergangenheit das heutige Leben plötzlich auf den Kopf stellen kann, zeigt der Fernsehfilm „Hoheneck war gestern“, den die ARD derzeit mit Anja Kling und Ulrich Noethen in Koblenz, Leipzig und in dem berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck dreht. Die Kälte ist überall. An den Wänden, den Fenstern, den Türen und am Geländer der Eisentreppe, auf der jetzt eine Frau heraufkommt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Sie trägt einen beigefarbenen Mantel, ihr Blick ist ängstlich-ernst, ihr Atem zeichnet kleine Wolken in die Luft. Sie geht nach links zu einer Tür, will sie öffnen, geht dann doch weiter zur nächsten, schaut durch den Spion, dreht sich weg und läuft davon. „Und danke!“, ruft die Regisseurin; es hallt durch den tristen Bau, der dem Prototyp eines Filmgefängnisses entspricht. Vier Stockwerke hoch, Zellentrakte links und rechts, Umläufe auf jeder Etage und Fangnetze in der Mitte.

          Dieser Ort aber ist kein Filmgefängnis, sondern war Realität. „Hoheneck ist Kälte“, sagt Inge Naumann. Die Siebenundfünfzigjährige steht mit Schal und elegantem Mantel etwas abseits und verfolgt die Dreharbeiten. Sie war hier von 1983 bis 1986 eingesperrt, und ihr Satz ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Denn Hoheneck im Erzgebirge war das berüchtigtste Frauengefängnis der DDR, das einzige, in dem Frauen auch aus politischen Gründen inhaftiert waren, und zudem ein Bau, in dem es im Winter selten wärmer als zehn Grad wurde. An diesem Herbsttag wird selbst diese Temperatur noch unterschritten; das Haus ist seit Jahren nicht mehr in Betrieb, aber für Filmemacher ein willkommener Ort. „Führer EX“, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ und „Zwölf heißt: Ich liebe dich!“ wurden hier gedreht.

          Sieht aus wie der Prototyp eines Filmgefängnisses, war aber Realität: Hoheneck bei Stollberg

          Alles, was es in der DDR offiziell nicht gab

          Nun also „Hoheneck war gestern“. Es ist nicht Inge Naumanns Geschichte, aber es könnte ihre sein. 1980 stellen sie und ihr Mann in Leipzig einen Ausreiseantrag, sie wollen legal in den Westen und ihr Leben nicht riskieren. Der Antrag wird abgelehnt, aber Inge Naumann stellt umgehend einen neuen, immer wieder. In zweieinhalb Jahren beantragt sie 28 Mal die Übersiedlung, dann hat der Staat genug. Am 7. Februar 1983 wird sie an ihrem Arbeitsplatz, einem Zahntechniklabor, von zwei Männer aufgefordert, „zur Klärung eines Sachverhalts“ mitzukommen. Ihr Mann, wird sie später erfahren, wurde bereits vor der Arbeit verhaftet; er kommt nach Bautzen II, in das berüchtigte Polit-Zuchthaus, sie fährt man nach Hoheneck. „Ich hatte diesen Namen nie zuvor gehört“, sagt Inge Naumann, und wie ihr ging es den meisten, die hier saßen.

          Drei Jahre und zwei Monate lautete das Urteil „im Namen des Volkes“, das zur Verhandlung nicht zugelassen war. Als sich die zwei großen, blauen Stahltore des Gefängnisses hinter ihr schlossen, war sie fassungslos. „Ich stand da wie gelähmt. Hier drin gab es alles, was es in der DDR offiziell nicht gab.“ Analphabeten, Diebe, Mörder, viele saßen „LL“, lebenslänglich. „Ich hatte es bis dahin nie für möglich gehalten, dass eine Frau ihr Kind umbringen kann.“ Ihr eigener Sohn, gerade ein Jahr alt, war am Tag der Verhaftung von den Schwiegereltern aus der Krippe abgeholt worden, so viel immerhin wusste sie. Jetzt saß sie Frauen gegenüber, die ihr Kind ertränkt hatten.

          Zwangsarbeit für den Staat

          Inge Naumann landete in einer Zelle mit 14 Frauen, die sich fünf Tripelstockbetten teilten, später wurde sie in einen Raum mit 40 Frauen verlegt. Bewusst wurden Schwerstkriminelle mit politischen Häftlingen gemischt, ihr Verhältnis betrug etwa zwei zu eins. „Ich habe mir nie alles bieten lassen, aber hier hatte ich Angst“, sagt Inge Naumann. Wer „politisch“ war, hatte es von Anfang an doppelt schwer - von den Kriminellen gedemütigt, von den Wachen gemobbt und ohne jede Aussicht auf Verbesserung. Niemals wurden Politische in der Küche, der Wäscherei oder als Kalfaktor eingesetzt, sie galten als intelligent und waren damit per se eine Provokation für die Wachen, die entweder keinen Schulabschluss hatten oder hierher strafversetzt worden waren.

          Die Insassinnen mussten in drei Schichten arbeiten; noch heute kennt Inge Naumann den Tagesablauf. Frühschicht bedeutete um 4 Uhr Wecken, 4.50 Uhr Zählappell, 5.10 Uhr Produktionsbeginn, 12.40 Uhr Mittag, 13.30 Uhr Freilauf, 14.30 Uhr Zellenschließen, 20 Uhr Lichtlöschen und 21 Uhr Nachtruhe. Am Anfang arbeitet sie im Obergeschoss, reinigt und flickt Uniformen von Polizei und Stasi. „Die waren voll mit Blut, Sperma, Dreck, und die blaue Farbe habe ich ein Jahr lang nicht von meinen Händen bekommen.“ Später kommt sie ins „Es-da“-Kommando, das rund um die Uhr Strumpfhosen näht - für westdeutsche Versandhäuser -, andere fertigen Oberhemden und Bettwäsche für dieselben Adressaten. Der Staat lässt sie zwangsarbeiten, um sich Devisen zu beschaffen.

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