https://www.faz.net/-gqz-6k120

Drahtseilartist Philippe Petit : Auf Traumpfaden über den Abgrund schweben

  • -Aktualisiert am

Petit zwischen den Türmen des World Trade Centers, New York: „Auf dem Seil ist der Tod immer dabei” Bild: ASSOCIATED PRESS

Famose Premiere: Die mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentation über den Drahtseilartisten Philippe Petit kommt heute ins Fernsehen. Stück für Stück entwickelt sich die zweckfreie Großtat - auch wenn man weiß, dass sie gut ausging.

          3 Min.

          „Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte.“ Also beginnt ein frühes Kapitel des „Zarathustra“, den Friedrich Nietzsche ein „Buch für Alle und Keinen“ nannte. An dieser Stelle aber ist es - das konnte Nietzsche noch nicht wissen - vor allem das Buch für Einen, für Philippe Petit, den berühmtesten Drahtseilartisten der Welt, den „Man on Wire“, denn so geht die Handlung des „Zarathustra“ weiter: „Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleinen Thür hinausgetreten und gieng über das Seil, welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem Markte und dem Volke hieng.“

          Das an sich aber ist es gar nicht, was die Münder verstummen macht, vielmehr öffnet sich die Tür ein weiteres Mal, und „ein bunter Gesell, einem Possenreisser gleich“, springt auf das Seil, scheucht den „Lahmfuss“ vor sich her: „einem Bessern, als du bist, sperrst du die freie Bahn!“ Und jetzt erst geschieht das Schreckliche: „er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe.“

          Man versteht das Unmögliche und scheitert

          „Auf dem Seil ist der Tod immer dabei. Das ist gut, denn so muss man die Sache ernst nehmen“, bestätigt Philippe Petit. Doch hat er - einen Bessern gibt es nicht! - den bunten Possenreißer fest im Griff, ist ihm in jeder Sekunde überlegen: So kam Petit stets wohlbehalten von seinen Ausflügen in die Lüfte zurück, von jenem dünnen Drahtseil, das er und seine Helfer - illegal und in der Nacht - zwischen den Türmen von Notre Dame in Paris (1971), zwischen den Türmen der Sydney Harbour Bridge (1973) und, der Höhepunkt von Petits Karriere, am 7. August 1974 zwischen den sich teils noch im Rohbau befindenden Türmen des New Yorker World Trade Center gespannt hatten.

          „There is no why”: Petit in Frankfurt, 1994

          Kunst definiert Petit als das zweckfrei Schöne, ohne dabei nach Kant oder Adorno zu klingen, eher wie ein Träumer. Gewundert hat er sich jedenfalls, dass ihn die amerikanische Presse nach der Festnahme mit der Frage „Warum?“ bestürmte: „There is no Why“, sprach er lächelnd in die Mikrofone. Achtmal hatte er in 417 Metern Höhe die Strecke zwischen den beiden Türmen zurückgelegt, beinahe eine Stunde lang auf dem Seil getanzt, sich darauf niedergekniet und verbeugt: ein Traum, der Nietzsche gefallen hätte, ein Triumph der Poesie über die Wahrscheinlichkeit. Denn was wir im „Zarathustra“ lesen, ist ja gewissermaßen der Normalfall: Man versucht das Unmögliche und scheitert. Hier aber scheiterte das Scheitern selbst, verlor die Gefahr für einen Augenblick ihre Macht, ohne dass Petit damit zu Zarathustras „Übermensch“ würde, im Gegenteil.

          Schritt für Schritt entwickelt sich die zweckfreie Großtat

          Selbst unter den Amerikanern gab es dann aber doch viele, die Petit, der auf einen Schlag eine Weltberühmtheit war, für seine Tat danken wollten. Ein hübsches Mädchen, so erzählt der Artist mit leichtem Stolz, kam nach der Entlassung aus dem Gericht auf ihn zu und sagte verliebt, sie wolle der erste Mensch sein, der ihn begrüße und mit ihm feiere. Die vorherige Anspannung entlud sich in einem nahen Hotelzimmer in wilder Lust, während die Komplizen Petits sowie seine Freundin auf ihn warteten. Es wäre wohl kleinlich, jetzt nach dem Warum zu fragen.

          Der mit einem Oscar prämierte und von der Presse bei seiner Kinopremiere weithin gefeierte, traumpoetische Dokumentarfilm „Man on Wire“ (deutscher Titel „Der Drahtseilakt“), eine BBC-Produktion von James Marsh, lässt Petits zweckfreie Großtat noch einmal vor uns entstehen. Schritt für Schritt entwickelt sie sich. Auch wenn man weiß, wie es ausging, steigt die Spannung, scheint es kaum möglich, dass das unter Planen versteckte Team unentdeckt bleibt, dass das Herüberschießen einer Angelschnur von einem Turm zum andern mit Pfeil und Bogen funktionieren kann: Die Jahre der Vorbereitung, die abgebrochenen Versuche, das Eindringen ins Gebäude, der Nebel am entscheidenden Morgen, das zunächst abgerutschte Drahtseil, das Dach des World Trade Center, wir sehen all das, weil die meisten Szenen nachgedreht und gegen alle Orthodoxie, aber mit beeindruckender Raffinesse und unbedingtem Formwillen mit dem originalen Film- oder Fotomaterial zusammengeschnitten wurden.

          Heute lehrt Petit ausgewählte Schüler das Seiltanzen

          Die Kommentare des Akrobaten und seiner Mitstreiter leiten uns durch die einem Krimi gleichende Handlung. Dass während des Drahtseilaktes selbst Erik Saties „Gymnopédie No.1“ erklingt, mag alles andere als dokumentarisch genannt werden, aber es ist ein wunderbarer Einfall, heben doch erst diese luftigen, tastenden Klavierklänge den Zuschauer auf dieses einsam über der Welt schwingende Seil.

          James Marsh ist nicht nur ein unbedingt sehenswerter, fröhlich die Mittel des Dokumentarischen überschreitender Dokumentarfilm gelungen. „Der Drahtseilakt“ hat sogar das Zeug dazu, die kollektive Erinnerung an das World Trade Center ein klein wenig aus der traumatischen Sphäre herauszuführen. Auch wenn aufs Ganze gesehen die Parabel aus dem „Zarathustra“ gerade hier nicht unzutreffend sein mag: Für einen kurzen, wichtigen Moment hat dieser verrückte Franzose sie widerlegt, was nicht vergessen werden sollte. Heute übrigens lehrt Petit ausgewählte Schüler das Seiltanzen, wobei er sich bei der Auswahl überhaupt nicht für deren akrobatische Vorkenntnisse interessiert, sondern dafür, welche Bücher sie lesen und was sie inspiriert - ein echter Poet eben.

          Weitere Themen

          Künstlerin der Nacht Video-Seite öffnen

          Malen in der Dunkelheit : Künstlerin der Nacht

          Die Künstlerin Silke Silkeborg stellt sich seit zehn Jahren der Herausforderung, die Nacht zu malen. Mehrmals in der Woche setzt sie sich mit ihrer Leinwand in die Dunkelheit und malt das, was es trotzdem zu sehen gibt.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.