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Die „Tatort“-Weihnachtsausgabe : Auf Safari in Schleswig-Holstein

  • -Aktualisiert am

Eine leise Arroganz gehört zum Kieler Kommissar Borowski wie der Trenchcoat. Zum Werkzeug wird sie, wenn es - wie im jüngsten Fall - gegen den Geldadel geht. Die Dialoge allerdings erinnern an „Derrick“.

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          Wieso kann sich Borowski eigentlich nicht, wie andere Leute auch, ganz normal mit seinem Nachnamen am Telefon melden und muss immer noch diese nun langsam öde werdende Drehbuchidee „Ich höre“ aufsagen? Soll das ein Markenzeichen sein? Man komme uns nicht damit, dass es etwas Besonderes wäre, Anrufe als Zumutung zu empfinden. Schroffheit und Arroganz sind meistens eine Form der Unsicherheit - für diese Binsenweisheit hat die Kriminalpsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), die sich an Borowski natürlich die Zähne ausbiss, neulich nicht das Weite gesucht.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Borowski jedenfalls kann seine Arroganz gut gebrauchen in dem Milieu, in dem er diesmal ermittelt. Denn die schönen, reichen und auch noch einigermaßen jungen Leute, mit denen er es zu tun bekommt, sind so abweisend wie eine gut gewachste Barbour-Jacke. Sie treffen sich regelmäßig auf einem Gutshof, der Maja Stevens gehört (so schmollmundig-attraktiv wie burschikos: Susanne Wolff), die ihn wiederum von ihrem Großvater geerbt hat.

          Und dass sie in einer Szene platt angeberisch behauptet, dieser habe eben „Stil“ gehabt, verrät schon einiges darüber, wie das Drehbuch (Daniel Nocke, nach einer Geschichte von Henning Mankell) mit Geldadel umzugehen versteht - wohl seit Derricks Zeiten nicht mehr wurden Dialoge unter den oberen Zehntausend so hölzern und vorhersehbar heruntergeleiert wie hier.

          Wieso aber treffen sich die Reichen auf dem Gutshof? „Wir sind schlicht Menschen, die hart arbeiten und ab und zu auf dem Land ausspannen“, sagt einer von ihnen, und wer jetzt vermutet, dass diese Menschen dann wohl mit Wertpapieren oder etwas Ähnlichem handeln, dem gibt sein gesundes Vorurteil recht.

          Drei Körperteile, drei Tote

          Auch wenn dieser „Tatort“ nicht den Anschein erweckt, nur Leute, die sehr viel Geld verdienen, hätten es schwer im Leben, so muss man doch sagen, dass solide Arbeiter-, Arbeitslosen- oder andere Gestrandeten-Existenzen doch etwas besser zu dieser Krimiserie passen. Das Image der Finanzjongleure aufzubessern war hier aber offensichtlich nicht beabsichtigt; zu selbstgefällig agiert dieser Kreis der Verdächtigen.

          Um auszuspannen, treffen sie sich regelmäßig zum Jagen: Bären, Tiger, was es in Schleswig-Holstein eben so gibt. Wie die da lebend hinkommen, muss Borowskis Sorge nicht sein. Die Hauptsache ist, dass die hart arbeitenden Leute ausspannen können, indem sie unschuldige Tiere töten.

          Aber es kommen auch Menschen um: Timo Pross (Sven Pippig), der dicke Wildhüter, findet einen Schuh mitsamt abgetrenntem Fuß in einer eigentlich nicht für Menschen bestimmten Falle; bald taucht eine Hand auf, zuletzt sogar ein Kopf. Das macht drei (unterschiedliche) Tote. Das Motiv scheint klar: Rache eines Tierschützers, den man unter diesen Umständen nicht fanatisch nennen sollte.

          Vom reichen Christian bleibt nur ein Fuß

          Hat der ehemalige Angestellte einer Gerberei etwas damit zu tun oder gar der Wildhüter, dem ein Bär einst ein Bein abriss? Merkwürdig ist, dass Borowskis ehemaliger Kollege Jochen Leonardt (Matthias Matschke), der lange vor der Zeit seinen Dienst beim Betrugsdezernat quittierte, so oft von Frieda Jung spricht. Nicht dass er immer noch in sie verliebt ist, sollte Borowski stutzig machen - was ginge es diesen Eisklotz an? -, sondern eher die Tatsache, dass so eine Polizeipsychologin durchaus in der Lage wäre, über die Diensttauglichkeit eines Kollegen, der ja irgendwie labil sein könnte, in Form eines Gutachtens ein Urteil abzugeben.

          Tatsächlich führt von ihm eine Spur zum Opferkreis: Der reiche Christian, Cousin von Maja Stevens, von dem nur noch der Fuß übrig bleibt, war Leonardt von Berufs wegen bekannt und hatte beim sogenannten Pyramidenspiel mitgemacht, einer Art russisches Roulett mit Geldscheinen, bei dem natürlich nicht alle gewinnen können.

          Spuren von Ratlosigkeit bleiben

          Und so muss man sich als Zuschauer denn schließlich wie vorher schon Borowski mit dem Gedanken vertraut machen, dass die von Claudia Garde (Regie) stilsicher inszenierte, still-gedämpfte Schneelandschaft mit Großtiersafari nur ein Ablenkungsmanöver sein könnte - was schon deswegen schade wäre, weil dann die reichen Jäger, die dem Kommissar mit solcher Herablassung begegnen, um ihre verdiente Abreibung wenigstens in Form einer Gefängnisstrafe vermutlich herumkämen.

          Die Gerechtigkeit wird in „Borowski und der vierte Mann“ aber nicht ganz außer Kraft gesetzt. Eine beachtliche Schießerei im Wald bereitet den Showdown erst vor, die Auflösung hinterlässt uns etwas ratlos und gibt uns Gelegenheit, den produzierenden NDR an seine Zusage zu erinnern, dem wie immer famosen Axel Milberg in Gestalt der neulich schon in einer Nebenrolle zu sehenden Sibel Kekilli eine neue Gefährtin an die Seite zu stellen. Man muss ja nicht gleich warm miteinander werden.

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