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Die Talkshowoffensive der ARD : Es reicht jetzt!

Bleibende Kameraeinstellung bei der ARD: Talkshows Bild: ddp

Die ARD ordnet ihrer neuen Talkshowoffensive alles unter. Dokumentationen zum Beispiel fallen im ersten Programm künftig weg, stattdessen läuft Frank Plasberg mit „Hart aber fair“. Dagegen regt sich Protest, unter anderem an höchster politischer Stelle.

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          Um den Überfluss an Talkshows zu ordnen, welchen die ARD vom kommenden Herbst an mit ihren dann fünf Moderatoren - Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann, Anne Will, Günther Jauch und Frank Plasberg - gewärtigt, diskutieren die Intendanten an diesem Montag einen Plan, den man durchaus verwegen nennen darf. Er sieht nämlich vor, dass Jauch sonntags zur besten Anne-Will-Sendezeit den Reigen aufnimmt, dienstags spät Sandra Maischberger übernimmt und Anne Will am Mittwoch die Strecke beschließt. Dazwischen aber ballt es sich am Montag, mit Plasbergs „Hart aber fair“ um 21 Uhr und Beckmann nach den „Tagesthemen“.
          Zwei Talkshows hintereinander?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der WDR tritt für diese Lösung ein, die Befürworter einer anderen (alle Werktags-Talkshows am späten Abend um 22.45 Uhr, etwa in der Reihenfolge Beckmann, Will, Plasberg, Maischberger) sind kleinlauter geworden, was kein Wunder ist, ist der WDR doch der reichste und mächtigste Sender im Verbund, mit dem die kleineren es sich ungern verscherzen. Im Sendehäuserkampf müssten sie unterliegen. Doch hat die Sache mehr als einen Haken: Ist es vorstellbar, dass die Zuschauer an einem Abend zwei Talkshows hintereinander goutieren? Ist es sinnvoll, Jauch, Plasberg und Beckmann binnen vierundzwanzig Stunden antreten zu lassen? Das Hickhack um Themen und Gäste, das schon jetzt das Wirken der Talkshowmacher bestimmt, wird grausam sein. Dass Beckmann den Kürzeren zieht, so er sich nicht auf reine Unterhaltung verlegt, ist abzusehen.

          Ein Brief an den ARD-Vorsitzenden

          Und noch etwas kommt hinzu: Der Sendeplatz für Dokumentationen, die bislang montags um 21 Uhr laufen, ist futsch. Ein für alle Mal, denn einen Ersatz im Hauptabendprogramm gibt es nicht. Wenn sie laufen, dann nur noch nachts. „Wir finden, es reicht jetzt!“, sagt deshalb die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, die Hunderte Kreative vertritt. Die Intendanten, meint die AG DOK, holten „zum entscheidenden Schlag gegen den missliebigen Kulturauftrag“ aus. Ihnen in den Arm zu fallen, bitten die Dokumentaristen deshalb die Rundfunkratschefs der Sender in einem offenen Brief. „Retten Sie uns!“, heißt es dort, „retten Sie die unabhängige Dokumentarfilmproduktion in Deutschland.“ Würden die Dokumentarfilme in der ARD noch weiter an den Rand gedrängt, könnten viele Filmemacher ihren Beruf an den Nagel hängen.
          „ARD stellt irgendwann ihre Existenz in Frage“

          Unterstützung finden sie mit ihrem Protest beim Kulturstaatsminister Bernd Neumann. In einem Schreiben, dass er dem ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust und dem Direktor des ersten Programms, Volker Herres, schickte, heißt es, er verfolge mit Sorge, dass die ARD die Dokumentarsendungen einer Talkshow opfern wolle. „Würde dies umgesetzt, muss ich dies deutlich missbilligen. Die Dokumentationen der ARD am Montagabend gehören zum Kern des Grundversorgungsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Durch Reduzierung der informativen und kulturellen Programmanteile oder deren Verbannung auf unattraktive
          Sendeplätze entfernt sich die ARD von ihrem Auftrag und stellt dadurch irgendwann auch ihre Existenz in Frage“, schreibt Neumann.

          Es nervt und ermüdet und ödet an

          Auf viel Verständnis dürfen sie - die freien, kreativen Mitarbeiter, die sich in der AG DOK zusammengeschlossen haben und auch der Politkritiker Neumann - aber zumindest bei dem angesprochenen Direktor des ersten Programms Volker Herres nicht hoffen. In einem Interview hatte er unlängst auf die Frage, ob die ARD nicht einmal den Mut zu einem Sendeplatz zur besten Zeit für Neunzigminutendokus fassen könnte, gesagt, dies wäre - „kein Mut, das wäre töricht“. Und das dann garantierte Lob der Feuilletons? „Nichts würde mich mehr erschrecken.“

          Uns aber schreckt derart sarkastisch formuliertes Quotendenken längst nicht mehr. Doch es nervt und ermüdet und ödet an, vom „Kulturauftrag“, dem „Grundversorgungsauftrag“ gar, aus der öffentlich-rechtlichen Ecke immer nur dann zu hören, wenn es um die nächste Gebührenerhöhung geht. Der Talkshow-Overkill kommt aller Wahrscheinlichkeit nach, für Plasberg wird Platz gemacht, das haben die Programmdirektoren der ARD ihren Chefs in einem Beschluss schon empfohlen. Dass dafür Gebühren - bald Quasi-Steuern - entrichtet werden müssen, erachten sie als ihr Grundrecht. Das ist „hart“, aber „fair“ ist es nicht.

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