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Die Plasberg-Methode : Das musste einmal gefragt werden

Rücksichtslose Polarisierung ist sein Geschäft: Frank Plasberg Bild: WDR

Hat es seine Richtigkeit, dass die deutsche Vergangenheit immer noch mäßigend auf die deutsche Debattenkultur wirkt? Die Methode des Talkmasters Frank Plasberg, studiert an seiner Sendung zum Fall Thilo Sarrazin.

          5 Min.

          Was ist hart, aber fair? Das Verfahren der gleichnamigen Fernsehsendung kopiert ein bewährtes Schema von Quizprogrammen. Der Moderator Frank Plasberg stellt eine Frage und gibt dem Befragten zwei Antwortmöglichkeiten vor. Der Befragte muss sich für eine der beiden Optionen entscheiden. Das ist hart. Aber er darf sich eben auch entscheiden. Das wirkt fair.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Mittwochabend legte Plasberg in der Sendung zum Thema „Nach Sarrazins Türken-Schelte: Was ist noch Klartext, was ist schon Vorurteil?“ nach diesem Muster bereits die Eröffnung an. Er stellte fest, Deutschland habe „plötzlich eine Debatte über die eigene Debattenkultur“. Plasbergs erster Beitrag zu dieser Debattendebatte bestand darin, der einen Seite der Debatte das Argumentieren abzusprechen. Seit der Veröffentlichung des Sarrazin-Interviews „läuft die Empörungsmaschine auf Hochtouren“. So: Der Mann, der in der größten Meinungsmaschine der Republik, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht das kleinste Rad bedient, zieht von der Sarrazin-Kritik alle Spontaneität ab, wie sie für freie Öffentlichkeiten konstitutiv ist, um sie als zynisches Fabrikprodukt verächtlich zu machen.

          Die Empörten stellten, so Plasberg weiter, noch nicht einmal die Frage, von der nach Plasberg in dieser Sache alle Erörterung auszugehen hat. Wie lautet diese Frage? „Spricht Sarrazin nur unbequeme Wahrheiten aus? Oder spitzt er so gefährlich zu, dass am Ende nur Missverständnisse und Vorurteile bleiben?“ Gegenfrage: Ist das die Alternative? Von vornherein ausgeschlossen ist die Möglichkeit, dass Sarrazins Einlassungen keineswegs nur Wahrheiten (was wären eigentlich bequeme?) enthalten, sondern auch ein Quantum Unsinn. Gefährliche Zuspitzung: Das klingt so, als wäre das Problem ausschließlich eines der rhetorischen Mittel, als gäbe es einen unstrittigen Befund, den man eben mehr oder weniger zuspitzend präsentieren könnte.

          Fakten und Scheinevidenzen

          Der Journalist Matthias Matussek schluckte den Köder, den Plasberg seinen Gästen hinhielt. Tatsächlich habe sich Sarrazin, das gebe er, Matussek, zu, sehr zugespitzt ausgedrückt; aber von den Zahlen her sei an dessen Darlegungen nichts auszusetzen. Gilt das auch für die Zahl, dass „siebzig Prozent der türkischen Bevölkerung in Berlin“ den deutschen Staat ablehnen? Kann man auch solche psychischen Fakten, wie es Sarrazin im Interview von der fortschreitenden Verdummung Berlins durch Reproduktion der Türken behauptet, „empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen“? Aber wie hat man sie ermittelt?

          Plasbergs Dual-Choice-Fragen haben den Zweck, Scheinevidenzen zu produzieren. Das hartnäckige, bohrende, sehr redundante Fragen häuft Unbefragtes auf. Die von Plasberg zur Konturierung der scheinbaren Alternativen eingeschobenen Fragen haben bei näherem Hinsehen eben doch regelmäßig den Charakter rhetorischer Fragen. „Kann man überhaupt Unerwünschtes aussprechen, ohne zu verletzen?“ Nö, wahrscheinlich nicht, Mimosen blühen überall. Daraus folgt freilich in Plasbergs Suggestivlogik unausgesprochen, dass alle von Sarrazins Worten verletzten Obsthändler das Unerwünschte ohne Quengeln hinnehmen müssen. Integration ist kein Wunschkonzert.

          Deutlich markieren

          Anders gefragt: „Kann man Fehlentwicklungen korrigieren, ohne sie deutlich zu markieren?“ Die Frage stellen hieße in jedem Kontext alltäglicher Verständigung die Antwort provozieren: Alter, frag doch nicht so blöd! In Plasbergs Dramaturgie wird durch die in der Sendung am Mittwoch unbeantwortete Frage die Sachhaltigkeit von Sarrazins Vortrag fraglos gestellt. Ist demnach die Prozentrechnung in Sarrazins Händen jenseits der Geldmengenlehre tatsächlich ein Instrument der Verdeutlichung? Ein anderes Beispiel aus dem Interview: die Tatsache, dass „die moderne Architektur zu achtzig Prozent aus funktionalen und ästhetischen Irrtümern besteht“. Daran ist nach Matussek wahrscheinlich auch nicht zu rütteln. Hat der mitteilungsfreudige Bundesbankvorstand wirklich etwas (und nicht vielmehr sich) markiert? Dass der Zeigefinger etwas zeigt, ist nicht am Finger zu erkennen, und Gefuchtel spricht eher dagegen.

          Von den auf diese Weise erzeugten vermeintlichen Gewissheiten aus lässt Plasberg seine Gäste dann alles in Zweifel ziehen und probeweise verwerfen. Die Plasberg-Frage für eine Plasberg-Sendung zur Plasberg-Methode: Dürfen Fragesteller alles in Frage stellen? Die Plasberg-Antwort: Was sollte daran gefährlich sein? Die Befragten können ja immer auch die unverfängliche, risikolose, brave der beiden ihnen vorgelegten Antworten wählen und die konventionelle Meinung bestätigen, wenn sie denn unbedingt wollen. Wohin diese Methode führt, zeigte sich im Verlauf der Sendung beim Thema der deutschen Geschichte.

          Hans-Christian Ströbele sagte: Wenn Sarrazin die Bevölkerung danach einteile, ob sie ökonomisch gebraucht werde, sei das ein Gedankengut, von dem er, Ströbele, erwartet habe, es werde in Deutschland nicht mehr ausgesprochen. An dieser Stelle hätte im Sinne des „Fakten-Checks“ (siehe auch: FAZ.NET-Fernsehkritik: Diskutiert wird heute, die Fakten folgen morgen), den Plasberg immer nur für den Tag nach der Sendung verspricht, ein advocatus Saraceni mit dem Hinweis einhaken können, dass der Bundesbankier sich im Interview über die Produktivfaktoren der Berliner Volkswirtschaft äußert und in diesem vorgegebenen ökonomischen Kontext auf den Beitrag bestimmter Gruppen zum Sozialprodukt und auf deren Wirtschaftsgesinnung zu sprechen kommt.

          Amerika, du zoffst dich besser

          Plasberg stürzte sich lieber auf etwas, auf dessen demonstrative Zertrümmerung seine Debattenführung angelegt war. Ströbele hatte Unaussprechliches angesprochen. Ein Denkverbot? Ströbele spräche wahrscheinlich eher von einem Lernerfolg. Plasberg verkündete, man sei nun „genau“ an einem „Punkt“ angekommen, den er von Anfang an angesteuert hatte. Der Punkt war natürlich das nächste Fragezeichen.

          Plasberg griff auf einen der schwächeren Beiträge Matusseks zurück. Dieser hatte mit der Autorität des früheren London-Korrespondenten ausgeführt, in der englischen Öffentlichkeit hätte ein Text wie das Sarrazin-Interview eine Debatte in Gang gebracht, aber keinen Anstoß erregt. Mumpitz. Als hätte England nach dem Bobby nicht auch den Sprachpolizisten erfunden. Plasberg aber wollte wissen, warum in England und Amerika eine Diskussion in der von Ströbele gerügten Perspektive möglich sei, hier aber nicht. Amerika, du zoffst dich besser: Man weiß ja, wie cool dort über den fehlenden Aufstiegswillen der Schwarzen debattiert wird. Der Beton der „political correctness“, von deren „Mauern“ sich der Frontstädter Sarrazin umgeben sieht, ist, wie das englische Wort schon sagt, made in Germany.

          Warum so verkrampft?

          Und warum geht's im hiesigen Diskurs, was das Sortieren brauchbarer und unbrauchbarer Gruppen angeht, so verkrampft zu? Bei dieser Frage gäbe es eine Durchfallquote von null Prozent sogar bei Kopftuchmädchen. Plasberg durfte die Antwort vorwegnehmen, in Frageform: „Ist das ein Erbe der Nazi-Unkultur, dass wir solche Diskussionen nicht mehr führen können?“ Streberhaft preschte Oswald Metzger vor: „Aus meiner Sicht ohne jede Frage. Also, das Erbe der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts wird uns ewig“ - hier stockte Metzger, und in seine „Ähs“ hinein, noch bevor er den Satz mit „bleiben“ beenden konnte, stellte Plasberg seine Anschlussfrage: „Zurecht oder zu Unrecht?“

          Und das musste wirklich einmal gefragt werden. Dafür hat sich der ganze Lärm gelohnt. Auch wenn fünfundneunzig Prozent der türkischen Bevölkerung in Berlin von heute an aus lauter Trotz auch noch Kopftuchjungen produzieren, diesen Erfolg kann Thilo Sarrazin niemand mehr nehmen. Das Erbe der deutschen Geschichte ist für die Deutschen dauernde Belastung und Verpflichtung. Zurecht oder zu Unrecht? Rufen Sie Plasberg an, schicken Sie ihm eine Mail, und versäumen Sie nicht den Fakten-Check zum Holocaust und zum Existenzrecht Israels.

          Enthemmtes Schwätzen

          Plasberg wollte aber auch wirklich genau wissen, ob die geschichtspolitische Erblast unsere Debattenkultur erdrückt, und belohnte seinen Lieblingsschüler Metzger mit der Nachfrage: „Sollten wir uns jetzt davon befreien?“ Jetzt? Sofort, aus Metzgers Sicht. Oder nie, darum aber erst recht. „Aus meiner Sicht: Die Erblast tragen wir, aber wir können uns davon befreien.“ Durch enthemmtes Schwätzen.

          Von der „Heftigkeit“ des Streits in seiner Sendung wollte Plasberg zurückschließen auf die Legitimität seiner Strategie der maßlosen Dramatisierung. Frage an Matussek: „Wofür ist Sarrazin das Indiz? Ist er eher der Brandstifter für Sie oder eher ein Ventil für einen Überdruckkessel?“ Matussek entschied sich erwartungsgemäß für Ventil und lieferte Plasberg das Stichwort der von Sarrazin verdienstvollerweise berührten „Tabufelder“. Plasberg, triumphierend: „Sehen Sie einmal, was da passiert, wenn man ein Tabu verletzt.“ Diesen Satz musste Plasberg nicht mehr als Frage formulieren. Er war die Antwort. In der verkehrten Welt der Fernsehdebatte ist ein Tabu dadurch definiert, dass es gebrochen werden muss.

          Frank Plasberg ist Unternehmer, „Hart, aber fair“ sein Produkt. Die rücksichtslose Polarisierung, die er der Öffentlichkeit verschreibt, damit plötzlich Debatten über die Integrationsdefizite Berliner Türken ausbrechen, ist sein Geschäft. Volkes Stimmung als vom Bersten bedrohter Kessel? Das mag man sich so vorstellen, wenn man unter Quotendruck steht. Im Vergleich der Empörungsmaschinenteile: Wer verkauft sich besser als Ventil, Sarrazin oder Plasberg? Keine Frage.

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