https://www.faz.net/-gqz-142h0

Die Plasberg-Methode : Das musste einmal gefragt werden

Rücksichtslose Polarisierung ist sein Geschäft: Frank Plasberg Bild: WDR

Hat es seine Richtigkeit, dass die deutsche Vergangenheit immer noch mäßigend auf die deutsche Debattenkultur wirkt? Die Methode des Talkmasters Frank Plasberg, studiert an seiner Sendung zum Fall Thilo Sarrazin.

          5 Min.

          Was ist hart, aber fair? Das Verfahren der gleichnamigen Fernsehsendung kopiert ein bewährtes Schema von Quizprogrammen. Der Moderator Frank Plasberg stellt eine Frage und gibt dem Befragten zwei Antwortmöglichkeiten vor. Der Befragte muss sich für eine der beiden Optionen entscheiden. Das ist hart. Aber er darf sich eben auch entscheiden. Das wirkt fair.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Mittwochabend legte Plasberg in der Sendung zum Thema „Nach Sarrazins Türken-Schelte: Was ist noch Klartext, was ist schon Vorurteil?“ nach diesem Muster bereits die Eröffnung an. Er stellte fest, Deutschland habe „plötzlich eine Debatte über die eigene Debattenkultur“. Plasbergs erster Beitrag zu dieser Debattendebatte bestand darin, der einen Seite der Debatte das Argumentieren abzusprechen. Seit der Veröffentlichung des Sarrazin-Interviews „läuft die Empörungsmaschine auf Hochtouren“. So: Der Mann, der in der größten Meinungsmaschine der Republik, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht das kleinste Rad bedient, zieht von der Sarrazin-Kritik alle Spontaneität ab, wie sie für freie Öffentlichkeiten konstitutiv ist, um sie als zynisches Fabrikprodukt verächtlich zu machen.

          Die Empörten stellten, so Plasberg weiter, noch nicht einmal die Frage, von der nach Plasberg in dieser Sache alle Erörterung auszugehen hat. Wie lautet diese Frage? „Spricht Sarrazin nur unbequeme Wahrheiten aus? Oder spitzt er so gefährlich zu, dass am Ende nur Missverständnisse und Vorurteile bleiben?“ Gegenfrage: Ist das die Alternative? Von vornherein ausgeschlossen ist die Möglichkeit, dass Sarrazins Einlassungen keineswegs nur Wahrheiten (was wären eigentlich bequeme?) enthalten, sondern auch ein Quantum Unsinn. Gefährliche Zuspitzung: Das klingt so, als wäre das Problem ausschließlich eines der rhetorischen Mittel, als gäbe es einen unstrittigen Befund, den man eben mehr oder weniger zuspitzend präsentieren könnte.

          Fakten und Scheinevidenzen

          Der Journalist Matthias Matussek schluckte den Köder, den Plasberg seinen Gästen hinhielt. Tatsächlich habe sich Sarrazin, das gebe er, Matussek, zu, sehr zugespitzt ausgedrückt; aber von den Zahlen her sei an dessen Darlegungen nichts auszusetzen. Gilt das auch für die Zahl, dass „siebzig Prozent der türkischen Bevölkerung in Berlin“ den deutschen Staat ablehnen? Kann man auch solche psychischen Fakten, wie es Sarrazin im Interview von der fortschreitenden Verdummung Berlins durch Reproduktion der Türken behauptet, „empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen“? Aber wie hat man sie ermittelt?

          Plasbergs Dual-Choice-Fragen haben den Zweck, Scheinevidenzen zu produzieren. Das hartnäckige, bohrende, sehr redundante Fragen häuft Unbefragtes auf. Die von Plasberg zur Konturierung der scheinbaren Alternativen eingeschobenen Fragen haben bei näherem Hinsehen eben doch regelmäßig den Charakter rhetorischer Fragen. „Kann man überhaupt Unerwünschtes aussprechen, ohne zu verletzen?“ Nö, wahrscheinlich nicht, Mimosen blühen überall. Daraus folgt freilich in Plasbergs Suggestivlogik unausgesprochen, dass alle von Sarrazins Worten verletzten Obsthändler das Unerwünschte ohne Quengeln hinnehmen müssen. Integration ist kein Wunschkonzert.

          Deutlich markieren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.