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Die Medien und der Fall Kachelmann : Der Verdacht

Nach dem Haftprüfungstermin am vergangenen Mittwoch Bild: ddp

Nichts war über das Privatleben des populären Wetteransagers Jörg Kachelmann bekannt. Bis er verhaftet wurde, weil er seine Lebensgefährtin vergewaltigt haben soll. Seit diesem Moment gilt den Medien jedes Barthaar als Indiz eines möglichen Verbrechens.

          Elf Sekunden dauerte es, bis der Fernsehmoderator Jörg Kachelmann am Mittwochnachmittag einen Nebenausgang des Mannheimer Amtsgerichts verlassen hatte, den Hof durchquerte, kurz den Mundwinkel nach unten zog, von einer Journalistin die Frage gestellt bekam, „Wie geht's Ihnen?“, ein wenig lächelte, mit den Schultern zuckte, die Antwort gab: „Ich bin unschuldig, das ist alles, was ich im Moment sagen kann“, seinem Anwalt die Hand schüttelte und in einen grünen Polizeibus stieg, der ihn wieder in die JVA Mannheim brachte, zurück in die Untersuchungshaft.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Elf Sekunden, ein paar Gesten, ein paar Worte, keine neuen Erkenntnisse: Das reicht nicht, um aus der Geschichte, die womöglich gar keine ist, die Titelseiten für die folgenden drei Tage zu bestreiten. Könnte man glauben. Aber es reicht locker. Elf Sekunden, in Dutzende Standbilder zerlegt, das sind ganz viele kleine Kachelmann-Gesten, Kachelmann-Bewegungen, Kachelmann-Kommentare, ein ganzer Katalog von Kachelmann-Gesichtern. Für einen Journalismus, dessen wichtigstes Satzzeichen das Fragezeichen ist, ist diese leicht entflammbare Mischung aus Ausdrücken und Eindrücken eine viel wertvollere Ressource als jeder hölzerne Fakt. Und dort, wo der Lebenszyklus einer Geschichte früher einmal begann, bei einer Nachricht, ist er heute längst zu Ende.

          Die Bilder jener „medialen Vorführung“, die der Berliner Medienanwalt Christian Scherz später kritisieren wird (worauf das Gericht entgegnen wird, das Vorgehen sei mit Kachelmann abgestimmt gewesen), sie waren mehr als genug, um die mediale Spekulationsmaschine wieder auf Touren zu bringen, die schon seit Tagen von dem Verdacht angetrieben wurde, der Mann vom Wetterbericht habe seine Freundin vergewaltigt. Endlich gab es neue Bilder zur Untermalung der irrsinnigsten Psychogramme, neue Illustrationen für all die billigen meteorologischen Metaphern von Hochs und Tiefs und trüben Aussichten, neue Mienen zum bösen Spiel, das man mit dem populären Moderator treiben konnte, dessen bisheriges Leben jetzt nur noch als präkriminelle Karriere Bestand hatte.

          Vor dem Amtsgericht am vergangenen Mittwoch

          Vielleicht verliebt

          Schon in den Tagen vor dem Termin beim Haftrichter hatte sich die Berichterstattung mit atemberaubenden Analysen und pseudopsychologischen Interpretationen überboten. Wo Recherche nicht möglich ist oder, wie im belagerten Schwetzingen, dem Wohnort von Kachelmanns mutmaßlichem Vergewaltigungsopfer, mit dem dürftigen Detail endet, das heimliche Paar habe dort in einem italienischen Restaurant „einen verliebten Eindruck“ gemacht, bei Spaghetti mit Thunfisch und Oliven, Pinot Grigio und San Pellegrino, da entdeckten Journalisten ihre Leidenschaft für semiologische Deutungen, lasen für ihre Leser in Kachelmanns Biographie wie in einem offenen Groschenroman oder sparten sich gleich ganz, ihre Unterstellungen auf irgendeine Beobachtung zu stützen. Franz Josef Wagner, der Befindlichkeitskolumnist der „Bild“-Zeitung, schickte Anfang der Woche gleich zwei seiner unvermeidlichen Briefe an Kachelmann. Im ersten sprach er von unserer „Enttäuschung“, die deshalb so groß sei, „weil wir an seine Wettervorhersagen glaubten“, aber worüber er enttäuscht war, sagte er nicht: Darüber, dass jemand unter Verdacht gerät? „Verdacht ist wie in einer Mülltonne leben, man kriegt den Geruch nicht los“, schrieb er am Tag darauf und überlies es sicherheitshalber nicht den Gerichten, über Schuld und Unschuld zu entscheiden: „Der Verdacht ist seelisches Lebenslänglich“.

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