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Die Kanzlerin bei Günther Jauch : Ein Stück Weltpolitik

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Ein gutes Gespräch ermöglicht Einblicke in das Denken der Gesprächsteilnehmer. Der unübertroffene Meister dieses im deutschen Fernsehen vergessenen Formats war Günter Gaus. Seine Dispute, ob mit Rudi Dutschke oder Hannah Arendt, gelten bis heute als Meilensteine des intellektuell ambitionierten Fernsehens. Allerdings wäre ein Günther Gaus dem heutigen Publikum nicht mehr vermittelbar, da muss man sich nichts vormachen. Jauch wählte einen anderen Ansatz: er fragte aus der Perspektive des Zuschauers, der endlich wissen will, was in dieser Eurokrise überhaupt passiert - und welche Lösungen die Kanzlerin anzubieten hat. Sie musste ihre Handlungsfähigkeit deutlich machen. Ihre unverhohlene Skepsis gegenüber den Ratschlägen der selber gerne in Talk-Shows auftretenden Ökonomen war dafür ein geeignetes Instrument. Diese formulierten Bedingungen, die nicht existieren, und ignorierten die Folgen, die sie nicht kalkulieren könnten: „Auf der Grundlage kann ich nicht handeln“. Da wurde so mancher „Top-Ökonom“ zum Sandkastenstrategen degradiert.

Frau Merkel machte den Unterschied zwischen der Perspektive von Fachleuten und den Zwängen der Politik deutlich. Sie versuchte eine konsistente Strategie zu vermitteln, die den Rat hört, sich aber ihrer besonderen Rolle bewusst ist: „Ich muss tun, was andere mir raten.“ Aber was tut sie eigentlich? Am Interessantesten waren die Fragen Jauchs, welche die Bundeskanzlerin nicht beantwortete. Die Fragen hatten Brisanz, kamen aber im scheinbaren Plauderton daher. Das führte bisweilen bei der Kanzlerin zu sichtbarer Verunsicherung. Etwa ob sie die im Oktober 2008 gemeinsam mit dem damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ausgesprochene Garantieerklärung der Sparguthaben hätte auszahlen können. Dazu sei es schließlich nicht gekommen und die Kanzlerin fragte den erstaunten Moderator: „Oder wollen Sie jetzt den Ernstfall provozieren?“

Auf dünnem Eis

Solche Garantien stehen nur auf psychologischem Fundament. Will man darauf wirklich bauen? Genauso erging es Jauch mit seiner Frage, wem denn eigentlich die verbürgten Kredite zugunsten Griechenlands zugute kämen. Den klaren Satz, dass diese Kredite dazu dienen, den Gläubigern ihre alten Kredite zurückzuzahlen, formulierte sie nicht. Allerdings zeigte sie Verständnis für die schwierige Lage der Griechen. Das hörte sich im vergangenen Jahr schon einmal anders an. Ob die Griechen jemals ihre Schulden zurückzahlen könnten? Laut der Kanzlerin schon. Sie beruft sich dabei auf die Aussagen des Internationale Währungsfonds. Der sagt das aber bloß, weil er ansonsten befürchtet, dass die griechische Zahlungsunfähigkeit andere europäische Staaten ebenfalls in die Pleite treibt. Wegen dieser Ansteckungsgefahr lehnt sie selber die Insolvenz Griechenlands ab. Ob die Griechen ohne eine Insolvenz wieder auf die Beine kommen? Das ist halt eine Zukunftsfrage. Die Kanzlerin hat mit der Gegenwart schon genug zu tun. Das wurde deutlich.

An diesen Punkten hätte Günther Jauch nachfragen müssen. Es wäre so noch deutlicher geworden, auf welch dünnem Eis sich die Kanzlerin bewegt. „Was wir jetzt lernen müssen: nur Schritte zu machen, die wir wirklich kontrollieren können.“ Jauch wies auf die gelernte Physikerin hin, die rechnen könne. Aber kann man diese Krise berechnen? Ist die Kanzlerin sich sicher, dass ihre Schritte und die der Regierung in Washington noch in die gleiche Richtung gehen? Von den Akteuren in den Schwellenländern oder auf den Finanzmärkten ganz zu schweigen. Wie schnell solche Strategien hinfällig werden, hat sie selber formuliert. Wer hätte vor wenigen Jahren den Ausstieg aus der Kernenergie, die Abschaffung der Wehrpflicht und der Hauptschule als das heutige CDU-Programm für denkbar gehalten, so Jauchs Frage. Wohl noch nicht einmal die Kanzlerin selbst. Aber die Welt von damals sei mit der von heute nicht mehr vergleichbar, meinte sie, und was man als nötig erkannt habe, müsse den Zeitläufen angepasst werden.

Was passiert eigentlich, wenn sich in vier Wochen die Welt wieder verändert hat? Damit ist leider zu rechnen. Sind die Aussagen von gestern dann noch gültig? Auf die letzte Frage von Günther Jauch, ob das Kind eines evangelischen Pastors und die heutige Vorsitzende einer christlichen Partei, bete, vermied sie eine klare Antwort. Die muss sie nicht geben. Nur eines wurde gestern deutlich: Ihre Richtlinienkompetenz ist nicht mit den Grundsätzen identisch, die die Kanzlerin gestern bei Günther Jauch eindringlich formulierte. Grundsätze sind nie in Stein gemeißelt. Das weiß niemand besser als die gelernte Physikerin im Kanzleramt. Vielleicht sollte man selbst wieder das Beten lernen. Das wäre nicht die schlechteste Erkenntnis eines bemerkenswerten Gesprächs.

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