https://www.faz.net/-gqz-y56y

Deutsches Kino : Sie pressen den Film in ihr Format

  • Aktualisiert am

Entscheider beim ZDF: Wie groß ist der Einfluss der Öffentlich-Rechtlichen auf das deutsche Kino? Bild: picture alliance / dpa

Bei der Förderung des Films ins Deutschland fungiert das Fernsehen immer mehr als Vorzensur. Das Ergebnis ist eine kulturelle Verarmung, meint der Regisseur und Produzent Thomas Frickel.

          4 Min.

          In diesen Tagen häufen sich die Liebesschwüre. ARD und ZDF zeigen, wie teuer ihnen der Kinofilm ist, wie bereitwillig sie das Kino fördern und an wie vielen Berlinale-Filmen sie beteiligt sind. Der Ehealltag dieser Zweckgemeinschaft sieht leider anders aus. Da sinken die Finanzierungsanteile des Fernsehens an manchen Kinoproduktionen ins Bodenlose, und was die Sender in die Filmförderung der Länder einzahlen, ist ein Bruchteil des Programmwerts, den sie aus dem Durchlauferhitzer Filmförderung herausholen. Das mag ein Geschäftsmodell sein - eine richtige Förderung ist es nicht.

          Dabei hätte zumindest das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Pflicht, den Kinofilm um seiner selbst willen zu pflegen. Der öffentlich-rechtliche Auftrag verlangt, unser Leben und unsere Gesellschaft in ganzer Breite abzubilden. Kaum ein Medium kann das so welthaltig und so bewegend wie der Film. Der Film ist ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen, deshalb gehört er zum öffentlich-rechtlichen Programm.

          Das Fernsehen wirkt als Vorzensur

          Weil die Filmkunst viel älter als das Fernsehen ist, hat sie sich auch unabhängig davon entwickelt. Der deutsche Kinofilm hat sich seine Themen und Stilprägungen selbst gesucht, seine Bezugsgrößen sind das Filmschaffen anderer Länder und der Wettbewerb inländischer wie internationaler Festivals. Das Bedürfnis des internationalen Fernsehmarktes spielt eine untergeordnete Rolle. Oder besser: Es sollte keine Rolle spielen. Doch faktisch ist der Einfluss des Fernsehens auf die Kinofilmproduktion in Deutschland groß. Es gibt kaum eine Förderung, in der die Sender aus ihrer finanziellen Beteiligung nicht erhebliche inhaltliche Ansprüche ableiten würden. Es gibt Länderförderungen, aus denen die Sender für ihre eigenen Projekte mehr Geld herausholen, als sie einzahlen. Und es gibt Länderförderungen, in denen Tochterfirmen öffentlich-rechtlicher Sender im Wettbewerb um die Mittel unabhängige Mitbewerber ausstechen. Kaum ein Fördergremium kommt ohne Fernsehvertreter aus, in kaum einer Förderinstitution hat ein unabhängiges Filmprojekt ohne sicheren Fernsehsendeplatz eine Chance. Selbst wenn Fördermittel an unabhängige Produzenten vergeben werden, profitiert das Fernsehen. Weil es sich fast nur noch um Produktionen handelt, die das Fernsehen haben will, kann ein Teil der Herstellungskosten auf die Förderung abgewälzt werden. Auf diese Weise erhalten die Sender hochwertiges Programm für wenig Geld.

          Das war nicht immer so, erst in den letzten Jahren haben sich die Gewichte verschoben. Konnte früher ein Filmemacher oder Produzent einen Stoff direkt der Förderung präsentieren, wirkt das Fernsehen heute oft als Vorzensur. „Das Fernsehen hat die Lufthoheit über die Themen übernommen“, sagte kürzlich der in Köln lebende Schweizer Regisseur Fosco Dubini. Das Ergebnis ist eine kulturelle Verarmung, denn der Film, insbesondere der Kinofilm, macht unserer Gesellschaft Angebote, die sie von rein fernsehorientierten Produktionen nicht bekommt.

          Die Realität sieht anders aus

          Nun könnte man das Verschwinden der Filmkultur aus den öffentlich-rechtlichen Programmen für eine unaufhaltsame Begleiterscheinung der Medien-Konvergenz halten und einwenden, dass in der Kulturgeschichte schon immer zeitgemäßere Entwicklungen an die Stelle tradierter Stufen getreten sind. Das mag in einem rein privatwirtschaftlichen System gelten. Doch hat das Bundesverfassungsgericht wiederholt betont, dass der Einfluss von Hörfunk und Fernsehen auf die Gesellschaft zu bedeutsam ist, um ihn allein dem Markt zu überlassen. Der freie Zugang zu kulturellen Angeboten ist für den Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar, er wirkt identitätsstiftend und integrativ. Andere Länder haben das erkannt und ihre öffentlichen Rundfunksysteme mit dem klaren Auftrag zu Erhalt und Pflege der nationalen Kultur ausgestattet. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat nicht das Recht, die Filmkultur nach seinem Geschmack zurechtzubiegen. Es hat vielmehr die Aufgabe, dem deutschen Film eine Plattform zu bieten und ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es gibt eine direkte Verpflichtung zur Pflege der nationalen Filmkultur.

          Weitere Themen

          Schönheit ist auch ein Talent

          Senta Berger wird 80 : Schönheit ist auch ein Talent

          Ihre Karriere umspannt mehr als sechs Jahrzehnte. Dabei wurde sie vom Kino- zum Fernsehstar und von einer Ikone der Leinwand zur Charakterdarstellerin: Zum achtzigsten Geburtstag von Senta Berger.

          Topmeldungen

          In einer Apotheke in Soest wird ein Schnelltest vorgenommen.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt unter 104

          17.419 Corona-Neuinfektionen und 278 Todesfälle, das sind wieder weniger als vor einer Woche. Entsprechend geht die Sieben-Tage-Inzidenz weiter zurück – auf 103,6. Für Urlaubsrückkehrer und Einreisende gelten ab heute gelockerte Regeln.
          Dem Virus keinen Raum geben: Im Hotel in den Messehallen von Singapur konferiert man vor Trennscheiben.

          Singapur : Das erste coronasichere Hotel

          Als erster Ort der Welt bietet der Stadtstaat Singapur ein coronasicheres Hotel mit Konferenzräumen. Geschäftsleute hinter Glas können Verträge besprechen oder neue Mitarbeiter kennenlernen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.