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Deutscher Fernsehpreis : Mich gibt´s wirklich

Ehrenpreis für Alfred Biolek Bild: dpa

Wer sagt, das deutsche Fernsehen habe nichts zu bieten? Der Deutsche Fernsehpreis beweist das Gegenteil. Die Jury und der ausrichtende Sender Sat.1 haben vieles richtig gemacht. Alfred Biolek, der Ehrenpreisträger, bat Marcel Reich-Ranicki um Verständnis - er nahm den Preis nämlich an.

          Viel ist passiert seit der letzten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Bei der war es zum Eklat gekommen, weil der Ehrenpreisträger Marcel Reich-Ranicki den Preis nicht annahm. In der Hitze des damaligen Gefechts mochte es scheinen, das deutsche Fernsehen bestehe aus nichts denn Firlefanz. Von Firlefanz, von Köchen und Clowns aber war nun nichts zu sehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Lauter würdige, von der Jury mit Bedacht auserkorene Preisträger traten vor an einem Abend, den Anke Engelke und Bastian Pastewka stilsicher moderierten. Denn als Volksmusikantenpaar „Wolfgang und Anneliese“ konnten sie aus der Rolle fallen, weil sie ihre Rollen perfekt spielten - als Unterhaltungsspießer, die keine Peinlichkeit auslassen und doch nie peinlich werden. Das ist der Schlämmer-Effekt, den Hape Kerkeling mit seiner Kunstfigur zu nutzen weiß: Im Aufzug der Narren tritt die Wahrheit zu Tage.

          An den besten Filmen nicht vorbeigeschaut

          Und die Wahrheit ist, dass die Jury an den wichtigsten, witzigsten und dramatischsten Aufzügen des Fernsehjahres nicht vorbeigeschaut hat. Sie hat - anders als der ins Abseits steuernde Grimmepreis-Kreis - „Mogadischu“ als besten Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet (ARD-Spielfilm „Mogadischu“: Terror in Reinkultur). Sie hat Senta Berger in dem Film „Schlaflos“ als beste Schauspielerin und Josef Hader in „Ein halbes Leben“ als besten Schauspieler gesehen und dem Regisseur Nikolaus Leytner für diesen Film ebenfalls einen Preis gegeben.

          Als „Wolfgang und Anneliese” waren Bastian Pastevka und Anke Engelke ein Lichtblick der Sendung

          Silke Zertz bekam den Preis für das beste Drehbuch. Sie wurde geehrt für zwei Vorlagen, für diejenige zu „Wir sind das Volk“ und zu „Woche für Woche“. Ihre kurze Dankrede leitete sie mit dem Satz ein: „Erstens: mich gibt`s wirklich.“ Sich derart zu annoncieren, das ist nach dem Skandal um die gekündigte Fernsehspielchefin des NDR, Doris Heinze, die unter Pseudonymen Drehbücher schreiben ließ und selber schrieb, zwar nicht mehr der Gipfel der Originalität, aber zugleich eine Spitze, die auf das nicht nur in diesem kriminellen NDR-Fall angespannte Verhältnis zwischen Autoren, Produzenten und Sendern zielt. Dieses auf eine neue Grundlage zu stellen und zu einer „neuen Solidarität zu finden“, das mahnte der Produzent Nico Hofmann bei seiner Dankrede an; er hatte den Film „Mogadischu“ erstellt.

          Seitenhiebe für Feinschmecker

          Am ergriffensten, geradezu gerührt, erschien derweil der „heute journal“-Moderator Claus Kleber, der mit seiner Koautorin Angela Andersen für das Reportagestück „Die Bombe“ ausgezeichnet wurde. Er nutzte die Gunst der Stunde, um auf die Qualitäten des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu verweisen, der auch seine aufwendige Reportage möglich gemacht hatte. Dass Brender einen neuen Vertrag bekommt, verhindert, wie seit langem bekannt, eine Mehrheit von Unionspolitikern und unionsnahen Vertretern im Verwaltungsrat des Senders. „Wenn sich das Gute und der ZDF-Intendant durchsetzen“, sagte Kleber, dann bleibe Brender dem ZDF erhalten.

          Damit freilich ist nicht zu rechnen, die Politik hat in diesem Fall längst ihre Verabredung getroffen und an der ist nicht nur der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der Brender zum Abschuss freigab, beteiligt. Wie in Berlin - zumindest bis zu diesem Sonntag - regiert in Mainz beim ZDF eine große Koalition von SPD- und Unionspolitikern. Und es ist sehr fraglich, ob der Intendant Schächter tatsächlich willens und Manns genug ist, dem entgegenzutreten. Ob Kleber selber daran glaubt? Das war jedenfalls ein Seitenhieb für Feinschmecker.

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