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Deutscher Fernsehpreis : Das wäre Ihr Preis gewesen!

Ob beim Deutschen Fernsehpreis diesmal die Ränge leer bleiben? Das Bild zeigt die Sitzordnung vor drei Jahren, an bekannten Gesichtern herrschte damals kein Mangel Bild: dpa

Am Samstag soll der Deutsche Fernsehpreis für Glanz sorgen, doch in der Branche herrscht Bombenlegerstimmung. Ein Eklat liegt in der Luft. Es ist wie bei Stuttgart 21. Erste Preisträger stehen auch schon fest, unter ihnen die Fußball-Nationalmannschaft.

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          Wenn die Rede auf den legendären Showmaster Rudi Carrell kommt, denkt man ohne Umschweife an seine Sendung „Am laufenden Band“. Da gab es Preise zuhauf, sie ratterten an den Kandidaten vorbei. Sie durften mit nach Hause nehmen, was sie sich merken konnten: eine Waschmaschine, einen Staubsauger, ein Fernsehgerät. Die Zuschauer daheim repetierten fleißig mit, auf dass der Hausstand wenigstens imaginär wachse.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ein schönes Gesellschaftsspiel aus der Spätzeit der Wirtschaftswunderrepublik der siebziger Jahre war das. Im Jahrzehnt darauf waren die Zuschauer schon saturiert genug für die Show „Die verflixte Sieben“. Da wurde nicht mehr gehamstert, sondern wurden Gegenstände getauscht, von denen man nicht wusste, ob sie am Ende für einen Preis oder eine Niete stünden.

          Der Deutsche Fernsehpreis hat das verflixte siebente Jahr eigentlich hinter sich, doch scheint es, als erreiche er dieses am Samstag, da er zum elften Mal vergeben wird, mit etwas Verspätung. Denn auch er verteilt - in den Augen nicht weniger aus der Fernsehbranche - mehr Nieten als Preise. Für manche gilt Carrells Ausruf, der zum geflügelten Wort wurde: „Das wäre Ihr Preis gewesen!“

          Sie moderieren den Fernsehpreis in diesem Jahr: Sandra Maischberger und Kurt Krömer

          Die Verbände der Kreativen sind entsetzt

          Das wäre es gewesen für: Drehbuchautoren, Regisseure, Komponisten, Kameraleute, Szenographen, Kostümbildner, Tonmeister und Cutter. Für sie gibt es den Deutschen Fernsehpreis - im Einzelnen - nicht mehr. Stattdessen werden, gemäß einer in den Sommerferien verkündeten Reform, „besondere Leistungen“ in Fiktion, Unterhaltung und Information ausgezeichnet und - die Werke an sich. Der Deutsche Fernsehpreis geht fortan, in achtzehn Kategorien, an alle, die beim „besten Film“, der „besten Serie“ oder der „besten Comedy“ maßgeblich mitwirken.

          Den Preis als Qualitätsauswahl innerhalb einer Profession, die Würdigung der künstlerischen Leistung in einem bestimmten Film- und Fernsehberuf gibt es - mit Ausnahme des „besten Schauspielers“ und der „besten Schauspielerin“ - nicht mehr. „Das Fernsehen sieht heute anders aus als bei der Gründung des Preises 1999“, sagte die WDR-Intendantin Monika Piel zur Reform des Preises, den die Sender ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben Sat.1 gestiftet haben. „Diese Entwicklung muss der Preis widerspiegeln.“

          Muss er das? Er muss es wohl, wenn man ihn als Preis für das Fernsehen und dessen Formate, weniger aber als individuelle Belobigung für diejenigen versteht, die Fernsehen machen. Die Verbände der Kreativen waren darob entsetzt. Der Verband Deutscher Drehbuchautoren, der Regieverband, die Kamera-Verbände, um nur einige zu nennen, begehrten auf. Auch der Schauspielerverband BFFS zeigte sich solidarisch, obwohl es Preise für die „beste Schauspielerin“ und den „besten Schauspieler“ noch gibt. Diese Kategorie müsse beim Deutschen Fernsehpreis als „Camouflage des Künstlerischen“ herhalten, schrieb der Regieverband.

          Der Werk- und Team-Gedanke soll in den Vordergrund

          Die Stifter, teilte der Verband der Drehbuchautoren mit, verabschiedeten sich „von der Würdigung derjenigen, die mit ihrer besonderen Leistung Filme und Sendungen überhaupt erst möglich machen, und wandeln den Deutschen Fernsehpreis zum reinen Produkt- und Produzentenpreis“. Ein reines „Werbespektakel“ sei das. Wer den Preis bekam, meinte der Schauspielerverband, habe „einen hohen Status“ in der Branche gehabt. Dieser gehe verloren. Die fiktionalen Programme würden nicht mehr als Königsdisziplin wahrgenommen und geschwächt. Es werde so getan, als generiere sich eine Fernsehsendung selbst, monierten die Regisseure.

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