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Der Wahlabend im Fernsehen : Der „Fukushima-Faktor“

  • -Aktualisiert am

Theo Koll: Hochrechnungen per „Handauflegung” Bild: dpa

Rot-grün, pardon Grün-rot ist die landespolitische Farbkombination der Stunde. In Rheinland-Pfalz stürzt der König - fast. In Baden-Württemberg kommt es zum Machtwechsel. Warum? Weil sich in einer Frage anscheinend alle einig sind.

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          Es gibt diese Momente im deutschen Fernsehen, an denen alles Meditation zu werden scheint. Gestern Abend zum Beispiel, bei der ZDF-Sendung zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Da stand der Journalist Theo Koll, zuständig für die Verkündung der aktuellen Hochrechnungen, mit Hornbrille und lila-grünem Schlips vor einem Plasma-Bildschirm, frisch frisiert, und als die ersten Grafiken auf dem Display erschienen, begann er zu tänzeln und sich zu recken und zu strecken - weil alles auf diesem Display nur per Handauflegung geschieht.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Tipp, tipp, machten seine Finger. Schon wuchsen da Balken, die Farben, die Gewinne und Verluste. Und tipp: „Bauen wir uns jetzt einen neuen Landtag.“ Und schon schwebten Grüne und Sozialdemokraten, ganze Farbenblöcke, durch die Luft, im feinen Bogen und von sensibler Hand geführt: „Eine knappe Mehrheit“. Es sah aus wie ein Traum.

          Alles gesagt, nur noch nicht von jedem

          Das war es dann aber auch mit traumtänzerischen Momenten. Denn recht früh, im Grunde schon vor der ersten Prognose, war im deutschen Fernsehen zum Thema Landtagswahlen alles gesagt - nur eben nicht von jedem. Zwar mühte sich das Zweite noch um ein wenig Spannung: Immer wieder wiesen Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen und Theo Koll, der Tänzer, auf das komplizierte Wahlrecht in Baden-Württemberg hin, das die knappe grün-rote Mehrheit doch noch gefährden könne (in der ARD sah es zunächst keineswegs nach einem knappen Rennen aus). Im Grunde aber war dies ein recht konventioneller Wahlabend im Fernsehen.

          Was nicht heißen soll, es wäre eine konventionelle Wahl gewesen. Ganz im Gegenteil, das machte das ZDF schon in der schon in der halben Stunde vor der 18-Uhr-Prognose klar: Bei dieser Wahl zählte der „Fukushima-Faktor“, zählte die Mobilisierung gegen „Stuttgart 21“. Oder mit Helmut Markwort formuliert, dem Herausgeber des „Focus“, der die politische Deutung gemeinsam mit Georg Mascolo vom „Spiegel“ vorstrukturieren durfte: beide hatten abgestimmt, „Wutbürger und Angstbürger“. Die Wahlzentrale der CDU in Stuttgart - im Schockzustand. Ministerpräsident Stefan Mappus - im ZDF nicht einmal zu sehen, als er kurz vor 19 Uhr vor die Presse tritt; die Kameramänner der Mainzer hatten es nicht geschafft, sich rechtzeitig in die erste Reihe zu drängeln. Erst etwas später, im Einzelgespräch, sagt Mappus: „Die Verantwortung trägt natürlich der Spitzenkandidat.“ Viel mehr war nicht.

          „Todsicher ist der Wechsel noch nicht“

          Bei der ARD war es eine klare Sache und dann plötzlich doch nicht, am Ende aber wieder. Als hätte der Drehbuchautor des Bodensee-“Tatorts“, den das Erste an diesem Abend passenderweise im Programm hatte, sich einen besonderen Spannungsbogen einfallen lassen, machte es der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn als oberster Zahlenmeister des Ersten zwischenzeitlich spannend.

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