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Der „Tatort: Kaltes Herz“ : Ein einziges Trauerspiel

Kinder haben im Fernsehkrimi einfach nichts zu suchen: Dagmar Leesch in der „Tatort”-Folge „Kaltes Herz” Bild: WDR/Uwe Stratmann

In der Wohnung eines Sozialfalls liegt die Leiche eines Sozialarbeiters und fehlt die vierjährige Tochter der Wohnungsinhaberin. Der neueste „Tatort“ aus Köln, „Kaltes Herz“, kämpft mit einem alten Problem: Kindern in Krimis.

          Kriminalfilme mit Kindern sind entbehrlich. Misshandelt, entführt, vernachlässigt, prostituiert, umgebracht - das Kind ist dort, wo der Krimi sich um sozialen Realismus bemüht, das Opfer schlechthin. Fast möchte man sagen, im Fernsehkrimi ist das Kind als Opfer selbst dann unlebendig, wenn es noch lebt. Denn das Leben des Opfers anschaulich zu machen, seine Spannung zum Täter, seinen Charakter, ist für den Film unendlich schwierig, weil man zwar gut von Kindern erzählen kann, aber ein Kind zu haben, das eine solche Erzählung vor der Kamera verkörpert, völlig unwahrscheinlich ist. Kinder sind keine guten Schauspieler. Und außerdem will man auch gar nicht, dass ein vierjähriges Mädchen im Zentrum eines Krimis mitspielt.

          Darum kämpfen solchen Krimis mit Kindern immer wieder mit demselben Problem: dass in ihrem Zentrum etwas steht, das man weder sehen möchte noch sieht. Auch der neueste „Tatort“ aus Köln, „Kaltes Herz“, leidet darunter: In der Wohnung eines Sozialfalls liegt die Leiche eines Sozialarbeiters und fehlt die vierjährige Tochter der Wohnungsinhaberin, einer Alleinerziehenden, die ihre Tochter eingesperrt und mit Schlafmitteln sediert hatte, um nachts einen drauf zu machen. Aber auch alle anderen sind auf ihre Art verwahrlost, das ins Leben seiner Klienten verstrickte und seiner Lage überdrüssige Jugendamtspersonal genauso wie diese Klientel selber, der empörte Ex-Freund so gut wie die mittelknappe Pflegefamilie. Alle sind verdächtig, und am Ende stehen auch alle als Straftäter da, selbst wenn nur einer gemordet hat.

          Fies oder verzweifelt?

          Das wird angemessenerweise sehr trostlos in Szene gesetzt. So viele Szenen in Kellern - darunter auch das untergegangene Kölner Stadtarchiv, das den Drehort für das Aktenlager des Jugendamtes abgab - oder Wohnungen, die wie Keller aussehen, dürfte es noch selten in einem „Tatort“ gegeben haben. Die Trostlosigkeit wird auch schauspielerisch sehr respektabel verkörpert. Miriam Horwitz macht ihre Sache als rücksichts- wie hilflose Mutter besonders gut, Christian Blümel setzt als fast entrechteter, weil unverheirateter Vater sein trotziges Gesicht so auf, dass man bis zuletzt nicht weiß, ob es innere oder strategische Kälte ist, die ihn bestimmt. Dasselbe gilt für Thomas Lawinky als Pflegevater, der seiner Physiognomie nach genau so fies wie verzweifelt sein könnte. Die Kommissare Ballauf und Schenk agieren erfreulich zurückhaltend, und Tessa Mittelstaedt als ihre Assistentin, die just in den Kinderfall hinein auf tristeste Weise schwanger wird, hat zwei, drei der besten Momente überhaupt, weil sie zeigt, dass Gefühle, die man nicht mitteilen kann, Überforderungen sind.

          Schön ist nicht, was das Kölner Tatort-Team da sehen muss: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und Tessa Mittelstedt

          Das alles, zusammengenommen, spricht für den Film. Das alles, zusammengenommen, macht „Kaltes Herz“ gleichwohl langweilig. Denn nicht nur wird, wer etwas Erfahrung mit Fernsehplots hat, den Mörder nach ein paar Minuten als die Person erraten haben, die vergleichsweise problemlos scheint. Es konzentriert sich der Betrachter auch zunehmend darauf, ob das entführte Kind wieder auftaucht oder schon lange tot ist. Das schwächt jede Anteilnahme am tatsächlichen Mord. Der Angestellte des Jugendamts, die Leiche, zieht vor lauter Sozialdepression um sie herum nicht das geringste Interesse auf sich. Die Frage, ob es für Kinder in verwahrlosten Milieus Hoffnung gibt, erdrückt die Geschichte. Weshalb wir es als Empfehlung noch einmal sagen: Gerade weil Kinder so wichtig sind, haben sie nichts im Kriminalfilm verloren. Er kommt nicht gegen sie an.

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