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Christian Redl im Gespräch : Für Mist bin ich zu alt

  • Aktualisiert am

Er kann auch sehr komisch sein, behauptet Christian Redl Bild: picture-alliance/ dpa

Als Abt von Fulda ist Christian Redl gerade in Sönke Wortmanns Kinofilm „Die Päpstin“ zu sehen, heute Abend spielt er im ZDF-Krimi „Der Tote im Spreewald“ einen Kommissar. Im F.A.Z.-Interview spricht der Schauspieler über den deutschen Wald, seine Visage und den Quotendruck.

          5 Min.

          Christian Redl liefert seit Jahrzehnten stille Charakterrollen im Theater, Kino und Fernsehen. Als Abt von Fulda ist der 61-Jährige gerade in Sönke Wortmanns „Die Päpstin“ zu sehen, im ZDF-Krimi „Der Tote im Spreewald“ spielt er den Kriminalkommissar Thorsten Krüger.

          Nach dem überraschend erfolgreichen Film „Das Geheimnis im Moor“ aus dem Jahr 2006, der auch bei Kritikern viel Beifall fand (die „taz“ beschrieb ihn als „deutsches ,Twin Peaks'“), erforscht Drehbuchautor Thomas Kirchner damit erneut die einzigartige Landschaft und greift auch die Minderheitenproblematik der Sorben und Polen im Spreewald-Grenzgebiet auf.


          Herr Redl, in „Der Tote im Spreewald“ heißt es an einer Stelle: „Heimat kann man sich nicht wie Dreck von den Füßen wischen.“ Ist das nur Zitat oder auch Appell?

          Einsatz im Spreewald: Christian Redl als Kommissar Krüger
          Einsatz im Spreewald: Christian Redl als Kommissar Krüger : Bild: Nicolas Maack

          Beides. Man darf das nicht zu sehr aufladen, aber dieser Heimatbegriff ist ein sehr gestriger mit sehr heutigen Komponenten. Ich denke, man muss seine Heimat erst einmal in Gefahr sehen, um ein Verlustgefühl, ein Erhaltungsbedürfnis, ein Interesse daran zu entwickeln.

          Je größer das Entwurzelungsgefühl, desto größer die Sehnsucht nach Heimat.

          Wo Grenzen verschwimmen, Konzerne multinational sind, Menschen den Wohnort wechseln wie ihre Hemden, wo alles haltlos wird, gewinnt der Heimatbegriff ein Stück seiner Wärme zurück. Insofern ist dieser Film zeitgemäß, weil er Menschen zeigt, die handeln, leben, fühlen wie in den Fünfzigern. Darin schwingt ohne Frage eine Sehnsucht nach der Überschaubarkeit vergangener Zeiten: zurück zur Natur, zurück zu alten Werten. Nicht ohne Grund ist der Hauptdarsteller dieses Films eigentlich . . .

          Der Wald.

          . . . ganz genau. Er ist Stimmungsspeicher und -lieferant. Erst sind die Bäume da, dann Konflikte.

          Fast ein wagnersches Element.

          Absolut. Wie und womit ist denn unser Wald besetzt? Welche Mythen, Ängste, Bilder, Albträume, Märchen verbirgt er?

          Haben Sie diesen Mystizismus gespürt, als Sie darin gedreht haben?

          Das sehe ich wie ein Kameramann: tolle Motive in einer Landschaft, die die Phantasie in alle Richtungen mobilisiert. Wenn man da mit einem technisch hochgerüsteten Filmteam dreht, wird er automatisch entmystifiziert. Das ist wie mit Liebesszenen. Es geht um Inszenierung - den Arm hierhin, die Hand dorthin; das ist alles andere als erotisch. Die Vorstellung, in einer natürlichen Atmosphäre bilde sich eine natürliche Magie, ist purer Romantizismus. Anthony Hopkins meinte, es gebe Kollegen, die das Method Acting so weit trieben, alle Gerüche, Bilder, Emotionen einer Rolle so lange auf sich einwirken zu lassen, bis sie zu etwas Eigenem werden. Er dagegen lerne den Text, gehe zum Set, den Rest überlasse er seiner Phantasie. Das verstehe ich unter schauspielerischer Professionalität.

          Ihr Spiel ist meistens sehr reduziert, leise, bedächtig.

          Das kommt auf die Rollen an, aber ich bin auch persönlich eher zurückhaltend. Ich mag Lino Ventura oder Jean Gabin, die großen Stillen des Autorenkinos. Die regeln alles mit ihrer Persönlichkeit, ohne sich mit Attitüden aufzuladen. Sie stellen sich einer Rolle mit ihren Gesten, ihren Stimmen, ihrem Selbst zur Verfügung. Das versuche ich auch, was manchmal zu Lasten der Wandelbarkeit geht. Die ist nicht jedem gegeben.

          Ihnen etwa auch nicht?

          Doch, im Theater durchaus. Aber im Fernsehen? Dass ich auch sehr komisch sein kann, kann sich dort offenbar niemand vorstellen. So besetzt man mich einfach nicht. Meine Visage und meine Ausstrahlung signalisieren offenbar das Bild eines Mannes mit krimineller Energie. Zum Glück hat sich das im Lauf der Jahre verändert; den Bösewicht spiele ich nur noch ab und an.

          Und dann in totaler Zurückhaltung.

          Darüber hat Michael Caine ein schönes Buch geschrieben: „Weniger ist mehr“. Das Entscheidende im Film sei, nicht zu überzeichnen, sondern ein wenig zu untertreiben in Ausdruck und Gestaltung, sehr ökonomisch, sehr dosiert.

          Der Trend geht allerdings zum Mehr-ist-mehr.

          Dabei hat Fernsehen doch diesen Riesenvorteil, dass ein einziger Blick eine ganze Geschichte erzählen kann, ein Blick, den man im Theater ab Reihe fünf nicht mehr sieht. Doch das minimalistische Fernsehen hat sich teilweise den Maximalismus der Bühne angeeignet. Paradox!

          Meinen Sie, es kommt noch mal eine Phase bedächtigen, doch ausdrucksstarken Fernsehens zurück wie „Berlin Alexanderplatz“, „Kir Royal“, die Dietl-Schule?

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