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Chinas Staatsfernsehen : Beim Markt hört der Spaß auf

Diese Art von Fortschritt führt in den Tod: Wolfgang Kubin nahm im Staatsfernsehen kein Blatt vor den Mund Bild: Renate Brandt

Der Sinologe Wolfgang Kubin ist in China ein prominenter Mann. Unlängst brachte der deutsche Professor einen Moderator im Staatsfernsehen aus der Fassung - mit steilen Thesen zur Ökonomisierung.

          Eigentlich ist Yang Rui ein Mann, den nichts aus der Ruhe bringen kann. In seiner Gesprächssendung „Dialogue“ auf dem englischen Kanal des Pekinger Staatssenders CCTV spart er auch Themen wie Menschenrechte oder Demokratisierung nicht aus – Themen also, von denen man annehmen könnte, sie brächten China in Bedrängnis. Und immer erweckt dieser abgeklärte Anwalt seines Landes den Eindruck, er habe auch das Heikelste schon einberechnet, auf seine geopolitische Interessenstruktur zurückgeführt, weshalb es bei ihm stets wie in Anführungszeichen und also ein wenig abgeschmackt daherkommt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Während Partei und Staatsfernsehen in China sonst meist immer noch bei Tabuisierungen Zuflucht nehmen, geht es in Yangs täglichen Talkshow mitunter recht munter und überraschend zu, alles natürlich im Rahmen der herrschenden Staatsdoktrin, innerhalb derer Yang Rui wohl am ehesten dem Reformflügel zuzurechnen wäre. Doch nun hat der Mann, der auf seiner Website angibt, die Kälte zu lieben und schlechte nationale Eigenschaften zu hassen, doch einmal die Fassung verloren.

          Ein einflussreicher Mann

          Schuld daran ist ein Deutscher: der Bonner Sinologe Wolfgang Kubin, der in China dank seinen polemischen Einlassungen zur chinesischen Gegenwartsliteratur eine prominente Erscheinung ist. Gewiss stört es manche, dass sich ein Ausländer da so kritisch in die eigene Kultur einmischt; überraschenderweise stimmen viele Chinesen Kubin jedoch auch zu. Seine chinesische Literaturgeschichte verkauft sich im Lande gut, er spricht meist vor vollen Sälen, und kürzlich wurde Kubin vom Fernsehen sogar in eine Reihe von Ausländern aufgenommen, die China am meisten beeinflusst haben.

          Nun also hatte ihn Yang Rui in seine Sendung eingeladen. Die Eingangsfragen waren offensichtlich als freundliche Auflockerungen gemeint, auf vermeintlich sicherem, harmlosem Boden gründend. Zum Beispiel, was der Sinologe denn zu Lu Xun meine, diesem Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts, der auch von den Kommunisten in Ehren gehalten wird. Doch von Anfang an ließ sich Kubin keinen Zollbreit auf einverständigen Small Talk ein. Sein Verständnis unterscheide sich sehr von dem der Partei, erklärte er: Lu Xuns Modernität erweise sich gerade darin, dass er die Leiden beschrieben habe, die die Moderne mit sich bringt; Modernität und Melancholie ließen sich voneinander eben nicht trennen. Hm. Nächste Frage, noch unverfänglicher: Was er zum Konfuzianismus meine? Von Konfuzius bis Su Dongpo im elften Jahrhundert, sagt Kubin, habe es unter chinesischen Gelehrten die Tradition gegeben, den Regierenden die Wahrheit zu sagen, ohne Angst, dadurch Opfer von Unterdrückung zu werden. Diesen Geist finde man heute selten: Die Intellektuellen zögen es vor, sich des Lebens zu erfreuen.

          Er achtet nur auf seine innere Stimme

          Der Moderator stutzt nur kurz und macht eine vertraute Alternative auf: Liege dieser Mangel an kritischem Geist eher am System oder am Markt? Auch darauf lässt sich der deutsche Gast nicht ein: Die Autoren selbst hätten mit ihrer Vorliebe für seichte Themen die Literatur zerstört. Aber das liege doch, wendet Yang Rui ein, an der Nachfrage, die Leute wollten heute nun mal dieses weltliche Zeug. Darauf Kubin brüsk: „Ich kümmere mich nicht um den Markt“, er achte nur auf seine innere Stimme. Der Moderator versucht es ein letztes Mal im Guten: China befinde sich jetzt immerhin in einer großen Transformation, die seine Bewohner zu Marktsubjekten mache . . . Kubin unterbricht ihn noch brüsker: „Ich hasse den Markt!“

          Da war offenbar eine Linie überschritten, die eine Geschäftsgrundlage des chinesischen Modells betrifft. Der Moderator lehnt sich zurück und verschränkt seine Arme vor der Brust. „Sie hassen den Markt“, wiederholt er abwartend, zum Sprung bereit. Kubin betont, wie sehr ihn die Boy-meets-Girl-Konstellation in den meisten der üblichen Romane langweile. „Sie sind ein Deutscher“, entfährt es dem Moderator: „Sie sind kein typischer Leser!“ Dann fängt er sich wieder und bemerkt ironisch-versöhnlich: „Es sieht so aus, als lebten Sie im neunzehnten Jahrhundert.“ Kubin ist begeistert: „Ja!“ „Aber seitdem haben wir viele Fortschritte gemacht . . .“ Kubin antwortet abrupt: „Das sind keine Fortschritte. Das ist ein Weg zum Tod.“ Jetzt fährt der Moderator schärfere Geschütze auf: „Sie sind gegen die Geschichte!“ Darauf sagt Kubin: „Ich will mich nicht selbst verachten.“

          Die Marotten des Abendlandes

          Die Konfrontation im chinesischen Staatsfernsehen war deshalb so bemerkenswert, weil sie offen aussprach, was sonst nur unterschwellig rumort. Für Westler ist es immer wieder irritierend, mit welch ungebrochener Emphase in China heute von „Kulturindustrie“ die Rede ist und wie selbstverständlich alle Künste als erstes in Marktkategorien beschrieben werden. Mag sich die reale Ökonomisierung der ästhetischen Produktion auch global angleichen, so im Westen doch nur unter der Bedingung, dass dabei die Idee der Kunst als einer Gegenwelt weiter mitschwingt. Die Nonchalance, mit der diese Ebene in China so gar keine Rolle spielt oder wenn, dann nur pragmatisch als Zitat eingebaut wird, ist eine stetige Quelle des Unbehagens, das aber, wenn man von den wohlfeilen Klagen über den „Markt“ absieht, kaum eigens zum Thema gemacht wird.

          Deshalb war die Unversöhnlichkeit des deutschen Professors, der mit dem als selbstverständlich vorausgesetzten Mitmachen beim Marktspiel ausdrücklich brach, für den chinesischen Fernsehmann eine solche Überraschung. Später fragte Yang Rui fast etwas mitleidig, ob sich Kubin „sehr einsam“ fühle („Keineswegs!“), und er sah sich vor einer kritischen Frage in anderer Sache zu der Versicherung veranlasst: „Wir schätzen Ihre Freiheit des Gewissens sehr.“ Hinter diesem Pluralis majestatis muss man sich vermutlich die gesamte chinesische Nation vorstellen, die dem Abendland seine Marotten nachsieht, solange es sie nicht allzusehr damit behelligt.

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